1. – 4. Schuljahr

Georg Biegholdt

Unterwegs

Musik ist Bewegung

Auf dem Weg sein. Unterwegs zu sein, braucht keinen Startpunkt und kein Ziel. Es ist der Schwebezustand dazwischen: Die Bewegung um ihrer selbst willen. Wenn man stehen bleibt, ist man schon nicht mehr unterwegs. Der Augenblick der Bewegung kann nicht eingefangen werden, ohne zu einem starren, ganz anderen Bild zu werden. Die Parallelen zur Musik sind verblüffend.

Um unterwegs zu sein, musste der Mensch zunächst einen Fuß vor den anderen setzen. Das Zweiermetrum war entstanden. Da die Siedlungen damals weit voneinander entfernt waren und das Gehen nicht besonders schnell ist, war man in der Regel sehr lange unterwegs. Und da das Autoradio noch nicht erfunden war, blieb einem nichts anderes übrig, als selbst musikalisch aktiv zu werden, um die Reise gefühlt etwas zu verkürzen. Also wurde beim Wandern gesungen. Und da man viel Zeit hatte, entstanden auch viele Wanderlieder.
Allerdings gab es, sobald die Menschheit sesshaft war, für die meisten Menschen keinen Grund, sich auf Wanderschaft zu begeben es sei denn zum Zeitvertreib , sodass man am Ende der Wanderung wieder am Ausgangspunkt ankam; auch dabei wurde gesungen. Den an die Scholle gebundenen Ackerbauern oder Viehzüchter zog es in der Regel nicht in die Ferne. Aber eine Gruppe von Menschen gab es, bei der die Wanderschaft geradezu Pflicht war: Die Handwerker. Nach der Lehrzeit beim einheimischen Meister galt es, in die Welt hinauszuziehen, bei anderen Meistern andere Fertigkeiten zu erwerben und endlich nach Hause zurückzukehren, um dann als anerkannter, ausgelernter Geselle tätig zu sein. Die wandernden Handwerksburschen hatten fürs Unterwegssein viele Lieder: Manche recht deftig, manche ganz brav. „Auf, du junger Wandersmann oder „Das Wandern ist des Müllers Lust sind zwei für die Grundschule geeignete Beispiele. Mit jeweils fünf Strophen kommt man schon ein Stück des Weges.
Wer sichs leisten konnte, musste nicht außer zum Vergnügen zu Fuß unterwegs sein, sondern nutzte die Postkutsche oder womöglich eine eigene. Doch auch dies war eine recht langwierige Angelegenheit: Was heute mit dem Auto in einer Stunde zu schaffen ist, dauerte seinerzeit zwischen fünf und zehn Stunden. Da das Autoradio noch nicht erfunden war, brauchte es auch dafür Lieder. „Hab mein Wage vollgelade und „Hoch auf dem gelben Wagen sind bekannte Beispiele hierfür.
Schließlich war man mit der Eisenbahn unterwegs. Sie war der Postkutsche, was das Tempo betrifft, vierfach überlegen und konnte diesen Vorteil durch technische Weiterentwicklungen schnell und stetig ausbauen. Was allerdings der Eisenbahn fehlte, war das Radio. Vielleicht wurde auf Zugfahrten weiter fröhlich gesungen, wenn es nicht zu laut war. Außer der „Schwäbsche Eisebahne gibt es im Deutschen nicht wirklich weitverbreitete Lieder, die die Fortbewegung mit der Eisenbahn besingen. Zwischendurch kam das Fahrrad. Es war nur für kürzere Distanzen gedacht und für den Freizeitbereich: Hier ging es wieder um das Unterwegssein an sich. Wahrscheinlich war beim Fahrradfahren Singen eher unüblich einerseits brauchte man die Puste zum Vorwärtskommen, andererseits riss einem der Fahrtwind den Gesang ja sofort weg. Trotzdem hat das Fahrrad schöne Songs wie „He, kleiner Fratz von Hermann van Veen oder „Bicycle Race von Queen hervorgebracht. Auf die allgemein bekannte Zeile „Ja, mir san mitm Radl do folgt allerdings kein bemerkenswerter weiterer Text, sodass es verständlich ist, dass kaum einer den Rest des Liedes kennt.
Dann wurde das Autoradio erfunden. Endlich konnte man unterwegs Musik hören. Wobei bestimmte Lieder und Songs immerhin ein Mitsingen herausfordern was man mitunter beim Blick in andere Autos sehen kann. Spätestens hier hatte das Unterwegssein aufgehört, der vergängliche Moment der Bewegung zu sein. Man war nicht mehr unterwegs, man begab sich von A nach B und musste die Zeit irgendwie überbrücken. Die Allverfügbarkeit von Musik, die...

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