1. – 6. Schuljahr

Michael Ahlers | Georg Biegholdt | Anja Cohrs | Frauke Hohberger

Digitalisierung und Musikunterricht!?

Vier Statements zu dieser kontrovers diskutierten Frage

Hybride „Musikmach-Dinge
Vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie stellen sich drängende Fragen an das (Selbst-)Verständnis des Musikunterrichts und seiner Lehrenden. Reflexartig zücken einige die Argumentation, nach der „das Digitale körperfern, un-sinnlich (gar unsinnig?) oder unmusikalisch sei. Und daher findet ein Musikunterricht online oder digital erweitert einfach nicht statt.
Diese Haltungen zeugen letztlich von einer konservativen Position, deren Verständnis von Musikkulturen als eingeschränkt bezeichnet werden muss. Die Statements sind jedoch vor dem Hintergrund der überwiegend entlang kunstmusikalischer, mitteleuropäischer Traditionen ausgebildeten Verfassenden zu verstehen. Da erscheint es undenkbar, dass andere Formen des körperlichen, lustvollen und klanglich ansprechenden Interagierens, Kooperierens oder Produzierens von Musik mit und über digitale Schnittstellen vorhanden sind. So, wie dies beispielsweise in populären Musikkulturen teils lang etabliert ist.
Die vorhandenen neuen digital-materiellen Interfaces deren Haptik weit über ein Klicken oder Wischen auf einer Glasplatte hinausgeht sind vielen noch fremd. Hybride „Musikmach-Dinge verbinden dabei die scheinbar gern dichotom verstandenen Bereiche des Analogen und des Digitalen und sie tun vor allem eins: Sie binden den Körper mehrerer Personen in kreative Prozesse wie musikalische Aktivitäten mit ein anders, aber sicherlich nicht schlechter als beispielsweise Orff-Instrumente. Als ein Positiv-Beispiel sei hier auf die digitalen Soundwhackers verwiesen, zahlreiche andere wären zu nennen. Ebenso finden sich in anderen Ländern bereits umfangreiche und interaktive Online-Ressourcen, die in Anlehnung an die jeweiligen Curricula (z.B. charanga.com) entwickelt werden, sowie Plattformen für das gemeinsame Musizieren auf Distanz (z.B. jamkazam.com, soundjack.eu).
Es ist zu fragen, inwieweit nicht auch in der Grundschule ein Bewahren bisher bewährter, vertrauter Inhalte und Methoden einer Offenheit sowie der Ermöglichung andersartiger Zugänge auf diversere Musikkulturen weichen sollte. Dass dann aber neben dem Selbstverständnis auch der Auftrag des Musikunterrichts eine Erweiterung erfahren müsste, scheint einerseits selbstverständlich, andererseits liegt hierin auch die größte Herausforderung an alle Beteiligten sowie die institutionellen Rahmenbedingungen. Die Ermöglichung von Diversität fängt nicht allein im Digitalen an, sondern vor allem auch bei uns selbst.
Michael Ahlers
Sinnliche Erfahrungen jenseits von „Wisch und „Klick
Wenn ich den Begriff „Digitalisierung in Bezug auf den Musikunterricht höre, dann schrillen bei mir zunächst einmal alle Alarmglocken: Die Zeit im Musikunterricht reicht ja nicht einmal dazu, all das zu singen, zu musizieren, zu tanzen und zu hören, was man sich gerne wünscht. Gerade in der Zeit der Digitalisierung und Mediatisierung vieler Bereiche des Lebens ist der Musikunterricht in der Grundschule (aber nicht nur da) ein wichtiger Bereich, in dem Menschen noch leibhaftig zusammenkommen, um gemeinsam Musik zu erleben, in und über Musik zu lernen, sich musikalisch zu bilden. Manches davon ist mit digitalen Medien gut zu unterstützen, leichter zu bewerkstelligen. Da geht es aber vor allem um Know-how, welches die Lehrperson nutzt.
Der BMU fordert z.B. digitale Instrumente in den Musikunterricht einzubeziehen. Musik mit einem iPad zu produzieren, ist für jemanden, der in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist, sicherlich ein ganz wesentliches Moment der Teilhabe. Für jemanden ohne dieses Handicap kann es jedoch die Sinnlichkeit des Spiels auf Xylofonen oder Trommeln kaum ersetzen. Und wenn Schülerinnen und Schüler mit den zugegebenermaßen tollen und interessanten Klängen, die die digitale Welt zu bieten hat, produktiv...

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