2. – 4. Schuljahr

Silas Börner

Das gestohlene Armband

Ein spannender Kriminalfall für gute Hörerinnen und Hörer

Museumsdirektor Bernhardt Bernstein hat ein Problem. Ein überaus wertvolles Armband wurde aus dem Museum gestohlen. Der Polizei ist es gelungen, das Handy des Diebes zu hacken und damit einige Aufnahmen zu machen, die Aufschluss auf den Diebstahl geben können. Ein spannender Fall, der im Musikunterricht durch gutes Hinhören gelöst werden kann!

Mit offenen Ohren durch die Welt
Geräusche sind überall. Nicht immer sind sie uns bewusst, denn unser Gehirn filtert die uns umgebenden auditiven Reize unermüdlich und leitet nur diejenigen Informationen an unser Bewusstsein weiter, die es für relevant hält. Unglücklicherweise kann man jedoch nicht behaupten, dass derjenige, der zwei Ohren hat, auch folgerichtig ein guter (Zu-)Hörer ist. Stattdessen kann man sagen: „Wer seine Ohren bewusst gebrauchen will, braucht Erfahrung und Wissen, um aus den vielfältigen auditiven Angeboten auszuwählen und sich ihnen verstehend zu nähern.¹ In unserer sehr lauten und stark visuell geprägten Welt bietet der Musikunterricht eine gute Möglichkeit, den Schülerinnen und Schülern die Ohren für unsere Welt neu zu öffnen. Die allgemeine Hörsensibilisierung, auf deren Konzept das Hör-Rätsel gründet, setzt dabei auf der Ebene des Geräusches an. Geräusche müssen erkannt, gedeutet und miteinander in Beziehung gesetzt werden. So, wie man über die Spielweise und den Ausdruck eines Instruments ins Gespräch kommen kann, kann man auch Aussagen über Geräusche treffen: Klingt es laut oder leise, bedrohlich, nah oder fern, donnernd, rauschend, freundlich. Auf diese Weise kann Hörkompetenz problemlos auch in niedrigen Klassenstufen angebahnt werden.
Kriminelles in der Grundschule
Detektivgeschichten erfreuen sich (nicht nur) bei Kindern und Jugendlichen großer Beliebtheit. Kennzeichnend für geschriebene Detektivgeschichten ist, dass die aufmerksamen Leserinnen und Leser am Ende den Täter oder die Täterin aufgrund von gelesenen Hinweisen überführen können. Kennzeichen eines detektivischen Hörrätsels ist, dass die aufmerksamen Hörerinnen und Hörer aufgrund von gehörten Hinweisen einen Tatort identifizieren können. Der Hörer muss sich folglich nicht erst mit einer Hauptperson identifizieren er wird augenblicklich selbst zum Detektiv und steht somit unmittelbar im Mittelpunkt des Geschehens. Die Spannung und der hohe Aufforderungscharakter, welche ein detektivisches Hörrätsel entfaltet, wirken sich außerordentlich positiv auf die Motivation der jungen Hörer aus.
Beschreibung der Rahmenhandlung
Bernhardt Bernstein, der Direktor des Stadtmuseums, hat ein großes Problem: Ein goldenes, diamantenbesetztes Armband wurde aus seinem Museum gestohlen. Glücklicherweise gibt es Hoffnung, denn die Polizei hat das Handy des vermeintlichen Diebes gehackt (sprich: gehäckt). Die genauen Positionsdaten konnte die Polizei nicht ermitteln, wohl aber, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit noch in der Stadt ist. Weiterhin ist es ihnen gelungen, das Handymikrofon einzuschalten. Dadurch sind vier Aufnahmen entstanden, die auf seine Fluchtrute und letztlich auf das Versteck seiner Beute hinweisen werden. Direktor Bernstein ist verzweifelt und er bittet die Schüler eindringlich um Hilfe.
Gemeinsamer Einstieg in den Fall
Die Kinder kommen im Kinositz (ritualisierte Sitzposition, wobei alle Schüler nach vorn zur Tafel kommen; sie sitzen dann auf den vorderen Tischen, einige bringen ihre Stühle mit und einige setzen sich davor auf den Boden) oder im Stuhlkreis zusammen. Direktor Bernstein wendet sich nun per Sprachbotschaft (vgl. H11) an die Klasse. Die Sprachbotschaft erfolgt klassischerweise von CD. Alternativ dazu kann die technikversierte Lehrkraft die Sounddateien auf ihr Smartphone übertragen und diese die technische Ausstattung vorausgesetzt via Bluetooth auf die Klassenanlage übertragen. Dies würde noch eine Spur authentischer wirken, da Sprachbotschaften eher auf Smartphones geschickt werden.
Im Anschluss muss das Gehörte vertieft und gefestigt werden, denn die Rahmenhandlung und insbesondere die Aufgabenstellung sollten von den Schülern verstanden sein. Impulse könnten sein: „Wer ist denn nochmal dieser Direktor Bernstein? „Warum wendet er sich an uns? „Wie können wir ihm seiner Meinung nach helfen?
Kurz darauf sollte die Stadtkarte (Abb. 1 ) genau in Augenschein genommen werden (vgl. Poster in der Heftmitte), sodass sich die jungen Hörerinnen und Hörer später besser darauf orientieren können. Je nach räumlichen Gegebenheiten ist diese dafür gut sichtbar an einer Magnettafel oder Pinnwand befestigt.
Dem Täter auf der Spur
Die Schüler kehren auf ihre Plätze zurück. Sie brauchen Platz zum Malen und Schreiben, um ihre Höreindrücke zu visualisieren (M2 ). Die Audio-Aufnahmen können bei Bedarf auch zweimal abgespielt werden. Die Lehrkraft spielt zunächst die erste Aufnahme ab. Zu hören ist die Geräuschkulisse einer Bahnhofshalle (vgl. H12). Schnelle Schritte gehen eine Treppe hoch. Man hört, wie ein Zug ankommt. Eine Tür öffnet und schließt sich. Der Zug fährt an, wobei die Geräusche aus dem Inneren des Zuges kommen. Man kann sich also sicher sein, dass der Täter eine Bahn genommen hat. Nachdem kurz über die visualisierten Höreindrücke gesprochen wurde, können die Schüler nun den Weg vom Museum zum Bahnhof mit einem Wollfaden markieren (vgl. Fotos ). Auf der nächsten Aufnahme (vgl. H13) sind schnelle Schritte zu hören. Der Täter scheint folglich aus der Bahn ausgestiegen zu sein. Die jungen Hörer hören lautes Gerumpel, Maschinengeräusche, das charakteristische Piepen eines rückwärtsfahrenden, schweren Fahrzeuges und eine Art Schleif- oder Schneidwerkzeug. Na klar: Eine Baustelle! Kurz darauf kommt der Besitzer des Handys ganz offenbar an einer Weide mit laut muhenden Kühen vorbei. Er ist also mit hoher Wahrscheinlichkeit am Westbahnhof ausgestiegen und läuft nun in Richtung Norden.
Auf der dritten Aufnahme (vgl. H14) hört man im Hintergrund, wie sich Menschen leise unterhalten. Wasser rauscht, ein Musiker spielt auf einem Akkordeon und deutlich ist das Geklapper von Tellern und Tassen zu hören. Als dann die friedliche Kulisse von einem lauten Schiffshorn durchbrochen wird, wird klar, dass der Besitzer des Handys im Hafen-Café sitzt. Auf Aufnahme vier (vgl. H15) ist erneut das Rauschen von Wasser zu hören. Das Vogelgezwitscher im Hintergrund weist jedoch auf ein Waldstück hin. Man hört, wie jemand anfängt, zu graben. Der Boden hört sich steinig an, fast so wie Kies. Wenn dann die Kirchenglocke in unmittelbarer Nähe anfängt, zu läuten ist klar, wo das Armband versteckt wurde: Der Täter hat es mit hoher Wahrscheinlichkeit in dem Waldstück im Nordosten der Karte versteckt. Dort liegt eine Kiesgrube genau zwischen einem Bach und einer Kirche.
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Die richtigen Antworten im richtigen Moment!
Es ist immer gut, schlagfertig und vorbereitet auf schlaue Schülerfragen reagieren zu können insbesondere dann, wenn man die Schüler als Detektive für einen Fall begeistern möchte.
Warum fragt ein Museumsdirektor ausgerechnet uns? Wir sind doch Kinder!
Erwachsene können bestimmte Frequenzen nicht mehr wahrnehmen. Sie hören dadurch nicht mehr alles, was Kinder hören. Kinder haben also sozusagen die besseren Ohren. Wahrscheinlich hat Direktor Bernstein seine Nachricht deshalb an sehr viele Schulklassen geschickt und eben auch an unsere Klasse.
Geht das überhaupt? Kann man ein Handy einfach so hacken und das Mikrofon einschalten?
Na klar. In den Nachrichten wird immer wieder berichtet, dass Hacker zum Beispiel die Kamera eines anderen Laptops einschalten können. Viele Menschen kleben daher sicherheitshalber einen Klebestreifen über ihre Kameralinse. Mikrofone am Handy oder auch an vielen Fernsehgeräten sind offensichtlich auch ein leichtes Ziel für Hacker.
Warum sind denn die Geräusche so klar? Der Dieb hatte doch bestimmt sein Handy im Rucksack oder in der Hosentasche!
Es gibt Menschen, die haben ihr Handy fast immer in der Hand. Außerdem ist es wahrscheinlich, dass die Polizei die Geräusche digital also am Computer nachbearbeitet hat. Störende Nebengeräusche wurden somit vermutlich einfach herausgefiltert.
Hat Herr Bernstein das Arbeitsblatt für uns gemacht oder was?
Nein, Herr Bernstein ist doch Museumsdirektor und kein Lehrer. Das Arbeitsblatt habe natürlich ich gemacht. Damit könnt ihr eure Ideen immer sofort aufschreiben, wenn ihr ein Geräusch erkannt habt.
Ergebnissicherung
Der Täter ist überführt. Nun müssen die Ergebnisse der Ermittlung möglichst komprimiert zusammengefasst werden, damit sie Direktor Bernstein und der Polizei übergeben werden können. Zunächst macht die Lehrperson dafür zum Beispiel mit ihrem Smartphone ein Foto von der Stadtkarte, auf welcher der Weg des Diebes mit dem Wollfaden markiert wurde. Nun stehen zwei Möglichkeiten zur Wahl: Die Nachricht erfolgt per Sprachnachricht oder per Brief. Bei der ersten Möglichkeit braucht die Lehrperson ebenfalls ihr Smartphone und eine Voice-Recorder-App zur Aufnahme von Sprachmemos (diese ist meist vorinstalliert). Im Stuhlkreis wird die Auflösung des Falls noch einmal Station für Station genau besprochen. Nach jeder Station spricht die Lehrperson die von den Schülern genannten Ergebnisse sinngemäß in ihr Smartphone. Der Aufnahme kann dabei beliebig oft unterbrochen und wieder aufgenommen werden. Wenn die technischen Gegebenheiten vorhanden sind, kann die Aufnahme abschließend noch einmal angehört werden. Auf der CD liegt ein auf diese Art entstandenes Ergebnis vor, an dem man sich orientieren kann (vgl. H10). Der unschlagbare Vorteil dieses Verfahrens ist, dass sich die Schüler mit hoher Wahrscheinlichkeit noch einmal hoch konzentriert auf eine Zusammenfassung der Stunde einlassen. Alternativ dazu kann die Lehrkraft die Zusammenfassung auch schriftlich vornehmen. Im Material (Vorlage Ergebnissicherung M3 ) steht dafür eine vorstrukturierte Vorlage zur Verfügung. Mit beiden Möglichkeiten kann auch ein Zwischenergebnis festgehalten werden, wenn eine Unterrichtsstunde vor Beendigung des Falls zu Ende sein sollte.
Direktor Bernsteins Antwort
In der Folgestunde rundet der Antwortbrief von Direktor Bernstein die Lösung des Falls ab (vgl. M1 ). Der Täter ist geschnappt, die Beute sichergestellt und der Museumsdirektor bedankt sich herzlich. Abschließend könnte ein Reflexionsgespräch erfolgen, in dem sich zum Beispiel über besonders einfache oder besonders schwierige Geräusche ausgetauscht werden könnte.
Literatur
¹Bergmann, Katja: Hör-Gänge. Konzeption einer Hörerziehung für den Deutschunterricht. S. 42. 3. Aufl. Oberhausen: Athena 2006.