Mehr als ein großer Auftritt: Das Projekt „6K UNITED!“„Was im Musikunterricht passieren kann“? …!

Ein ungewöhnliches Musikerlebnis bot sich kürzlich in Berlin, Hamburg, Mannheim und Düsseldorf. Viermal knapp 6000 Kindern brachten in einer gekonnten Performance und mit Unterstützung einer professionellen Band ganze Konzerthallen zum Klingen. Monatelang hatten Klassen und Chöre Stücke eingeübt, die Fabian Sennholz, Professor für Ensemblearbeit in Frankfurt, für sein Projekt „6K UNITED!“ arrangierte. Sennholz, als musikalischer und pädagogischer Leiter nicht nur zum großen Finale im Zentrum des Unterfangens, sprach mit uns über seine Motive und Überlegungen.

Das große Konzert

Eine beeindruckende Illumination setzt die Hamburger Schülerinnen und Schüler ins rechte Licht für ihren großen Auftritt © Janina Lux

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Das Konzept

Das Projekt „6K UNITED!“, das in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal stattfand, ist auf Schülerinnen und Schüler zwischen acht und dreizehn Jahren ausgerichtet. Lehrkräfte und Chorleitungen melden Gruppen unabhängig ihrer Stärke an, zahlen einen einheitlichen Teilnahmebetrag und bekommen Noten- und Erarbeitungsmaterial inklusive Übungs-CD und praktischen Stimmbildungshinweisen zur Verfügung gestellt. Auch zwei Plätze für einen Pädagogenworkshop in der jeweiligen Konzertstadt gehören zum ‚Paket‘; dort ist Raum für das Austesten, für Fragen und Ratschläge zu den 10-15 Stücken aus Pop, Klassik, Volksliedrepertoire oder außereuropäischer Musik, die Professor Sennholz anspruchsvoll arrangiert und auch choreographiert.

Nach vielen Monaten des Einübens reisen schließlich 6000 Kinder als junge Künstler zum Konzertort an, während Eltern und Bekannte Tickets in der Publikumshälfte erwerben können – so wird ein Großteil der Finanzierung garantiert.

Der Anstoß

Schon seit seiner Jugend bewegt sich Fabian Sennholz unbefangen zwischen unterschiedlichen Musikstilen – Klassik, Jazz, Pop. Er übernahm früh die Leitung verschiedener Ensembles und entdeckte dabei seine dementsprechende Vorliebe und Begabung. So entschloss sich der gebürtige Celler im ersten Schritt für ein Lehramtsstudium, um sich nach dessen Abschluss der Ausbildung von Studenten zuzuwenden. Als Professor für Ensemblearbeit an der Hochschule Frankfurt, der zudem vielfältig als Musiker oder musikalischer Leiter, Arrangeur oder Produzent unterwegs ist, verliert Sennholz keineswegs den Bezug zur Schule. Regelmäßig besteht musikalischer Kontakt mit Schülerinnen- und Schülergruppen und es prägen sich zahlreiche Erfahrungen ein, die schließlich zu „6K“ motivierten; etwa folgende: „Es kam zum Beispiel eine Förderschulklasse ein Semester lang wöchentlich zu uns an die Hochschule. Gemeinsam mit meinen Studierenden haben wir aus dieser 7. Klasse, die musikalisch keine Vorbildung hatte, eine Band geformt. Und dann durften die bei uns im Studio auch einen Song aufnehmen. Da hat hinterher die Lehrerin gesagt, sie erkennt ihre Klasse gar nicht wieder: Die Schüler hatten einen ungeheuren Ehrgeiz entwickelt und brachten sich plötzlich mit nie dagewesenem Selbstbewusstsein in ihren Unterricht ein. Vor allem aber begannen sie sich untereinander ganz anders wertzuschätzen und entwickelten ein völlig neues Gemeinschaftsgefühl.“

Dass die Bewusstheit eigener Wirksamkeit Kinder und Jugendliche verändert und ihnen Ressourcen auf den Weg gibt, ist für Sennholz ein entscheidender Aspekt. Wie das 6K UNITED!-Abschlusskonzert die gemeinsame Kraft der Kinder deutlich vor Augen führen soll – umschreibt er seinen zentralen Beweggrund -, so solle im Kleinen jeder Musikunterricht Selbstwirksamkeitserfahrungen zum Kernziel machen.

Einige Noten sind längst nicht alles

Von der Idee zur Umsetzung eines aufwendigen Konzepts bedarf es etlicher Schritte. Ohne die Unterstützung und Beteiligung der richtigen Leute – vor allem die des erfahrenen Organisator Frank Scherk - habe das Projekt nie funktionieren können, betont Sennholz dankbar.

Wie wichtig diejenigen sind, die ihm organisatorisch den Rücken freihalten, wird auch deutlich, wenn man nachvollzieht, wie viele Teilkomponenten der Professor als musikalischer und pädagogischer Leiter selbst übernimmt und wie viele Überlegungen hinter der Aufbereitung der Materialien stehen: Seine Arrangements legt Sennholz zwei- und dreistimmig an, um einer Bandbreite der Chorerfahrungen gerecht zu werden. Schließlich sei jede Reduzierung erlaubt; viele Gruppen übten einfach die Melodien, manche sogar nur die Refrains, um so an jedem Stück des umfassenden Programms teilhaben zu können. Damit aber auch ungeübte Kinder und fachfremde Lehrkräfte eine Chance bekommen, über sich hinauszuwachsen, steht verschiedenes Begleitmaterial zur Verfügung. Darunter sind etwa Anleitungen zu klassischen stimmbildnerischen Übungen, doch Sennholz hebt vor allem seinen Online-Auftritt hervor – auf einem virtuellen „Schulhof“, der nur angemeldeten Gruppen zugänglich ist, finden sich Lernvideos und Tipps. Über dieses Medium ist dem Leiter und seinem professionellen, jungen Musikerteam eine schnelle Reaktion auf Fragen und eine direkte Ansprache der Schülerinnen und Schüler möglich, die unabhängig zuhause üben können.

Kinder und Kinderstimmen verstehen

Neben dem Videoformat habe er Details der Übungs-CD besonders bedacht, so Sennholz, da sie eine wichtige Stellung einnehme: „Ich komme sehr viel aus der Laien-Chorarbeit und habe da auch irgendwann angefangen, immer mit Übungssongs zu arbeiten. Ich habe gemerkt: Wenn man mit Menschen, die nicht gewohnt sind zu singen, nicht vom Blatt singen können, das erst mal alles erarbeiten muss, kann es sehr schnell zäh werden. Vor allen Dingen, wenn man ein ganzes Konzert gestalten will. Wenn die aber zuhause was haben, wo es Spaß macht zu singen und zu lernen, dann kommt man plötzlich zusammen und es funktioniert alles schon und man kann einfach direkt Musik machen. Und dann kommt man viel viel weiter im gemeinsamen Musikmachen.“ Anhand der Aufnahmen müssten sich einerseits eindeutig die Stimmen nachvollziehen lassen, die die Kinder singen sollten, andererseits sei ihr stimmbildnerischer Wert relevant. Aus diesem Grund werden Solo- und Chorparts durch Männer- und Frauengesang abgebildet. Der Klang der Frauenstimme ist bewusst kopfig angelegt, um zu garantieren, dass die natürliche Imitation der Kinder eine gesunde Verwendung der Stimme fördert.

Sennholz sucht stets Tonlagen, die aus einer reinen Brustlage hinausführen – und auf der anderen Seite realistisch singbar sein sollten: „Bei dem Händel ist es eher so, dass ich weiß: Okay - die dritte Klasse Grundschule, die noch nie gesungen hat vorher, wenn die jetzt plötzlich oben zum F rauf muss, dann wird es schwierig. Und dann versuche ich natürlich immer die Tonart zu finden, die für alle noch gut machbar ist.“

Eine Chance für Fachfremde

Insbesondere fachfremde Lehrkräfte sollen sich auf die CD-Aufnahmen stützen können. Daneben sei es auch Zweck der Workshops, allen voran Musiklehrerinnen und -lehrern ohne entsprechendes Studium Einstiegshemmungen nehmen. Professor Sennholz beobachtet immer wieder, wie sich die Stimmung mit der Zeit grundlegend verändert: „Man merkt immer so am Anfang des Workshops, noch so ein bisschen: ‚Das ist echt viel Material. Das ist echt schwierig. Da ist ja auch Bodypercussion dabei. Da muss man gleichzeitig sowas machen und singen und noch… äh - puuh.‘ Und am Schluss des Workshops kommen immer alle: ‚Ach, okay jetzt weiß ich, wie ichs machen soll. Jetzt schaffen wirs. […] Ich merke dann: Dass das was ist, was sich die Lehrer vorher nicht zutrauen und dann aber merken: ‚ach okay. Doch das geht. Das kriege ich auch hin.‘“

Der Wert von Musikunterricht

Aus seiner Tätigkeit als Hochschuldozent heraus motiviert Sennholz Studierende, das Projekt zu begleiten. Einige planten schon, das Programm des kommenden Jahres – das unter dem Thema „Traum und Fantasie“ stehen wird – selbst mit Gruppen einzustudieren.

Es fällt jedoch auf, dass ein Konzert in Frankfurt (noch?) nicht in Planung ist. Wahl und Einrichtung eines passenden Konzertortes sei nicht unkompliziert. Ungeachtet dessen sieht Sennholz das Ziel darin, die Strukturen so auszuweiten, dass der Zugang zum Projekt für jedes Kind deutschlandweit anreisetechnisch möglich wird.

„6K UNITED!“ werde dem Musiker und Pädagogen persönlich immer wichtiger, auch als Form einer übergreifenden Botschaft, einem Plädoyer für die Bedeutung von Musikunterricht: „Was mich daran so fasziniert, ist nicht nur, welche Motivation die Schüler dann für das Musikmachen haben – das ist natürlich der Kern –, aber ein zweiter Aspekt ist, dass das nicht nur im Klassenraum stattfindet, sondern plötzlich in der Konzertwelt. Und es auch nicht ein Schulkonzert ist, was einfach ein Schulkonzert ist, sondern eine Show, die in so eine Arena auch gehört und dieses Format auch wirklich erfüllt. Deshalb hat es für mich auch so diese Relevanz von: Dann ist in der Gesellschaft auch mal sichtbar, was im Musikunterricht passieren kann. Ich finde es sehr wichtig, dass Musikunterricht aus dieser Rechtfertigungsnische herauskommt und mal irgendwie die Gesellschaft sieht: Das brauchen wir für unsere Schüler. Nicht nur Mathe lernen und ihr Gehirn benutzen, sondern auch was für die Seele, für ihre Persönlichkeit, für Gemeinsamkeit.“

Anmeldung für das Projekt "6K United! 2020"

Ab sofort können Schulen und Chöre sich für eines der "6K UNITED!"-Konzerte 2020 anmelden:

10.+11.6.2020   Mercedes-Benz Arena, Berlin

13.6.2020           Barclaycard Arena, Hamburg

24.6.2020           SAP Arena, Mannheim

25.6.2020           Lanxess Arena, Köln

26.6.2020           Tui Arena, Hannover


 

Zur Website des Projekts

Fabian Sennholz stellt seine Projektidee im Video vor

Erstaunlich, was mit Kindern möglich ist - das Spektrum in diesem Jahr reichte von Händel bis zu einem Song der Gruppe "Deine Freunde"

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