Bilderbücher im MusikunterrichtBilderbücher im Musikunterricht

Die Zeiten, in denen Bilderbücher im Grundschulunterricht eine marginale Rolle spielten und bestenfalls im Anfangsunterricht in Erscheinung traten, sind lange vorbei. Das Bilderbuch als Impuls zum Lesen, zum szenischen Spiel, für die eigene Textproduktion, die Bildbetrachtung und die bildnerische Gestaltung ist in den letzten Jahren immer präsenter geworden. Für den Musikunterricht bieten sich Lernchancen in vielen Handlungsfeldern.

Bilderbücher im Musikunterricht

Das Bilderbuch ist in der Grundschule als Impulsgeber zum Lernen in den letzten Jahren immer präsenter geworden. (c) Friedrich Verlag

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Die Verbindung von reduzierter Textmenge und Illustration, bei der in der Imagination der Zuhörer und Zuschauer ganze Welten entstehen können, macht das Bilderbuch zum Material für Literalität und für eine umfassende ästhetische Alphabetisierung. Denn gute Bilderbuchtexte sind nicht nur kürzer, sondern auch essentieller; die Bilder sind nicht nur Verstärkung und Illustrierung des Textes, sondern sie greifen darüber hinaus etwas auf, wo Sprache endet und auch nicht mehr nötig ist. 
In einem integrativen und fächerübergreifenden Unterricht kann das Bilderbuch verbindendes Element sein, von dem differenzierte Arbeitsaufträge ausgehen. Auch Kindern mit wenig Spracherfahrung ermöglichen Bilderbuchstunden Verstehen  und Teilhabe – selbst wenn ihre Kenntnisse der deutschen Sprache erst aus wenigen wordpools und kleinen Sprachinseln bestehen –, denn die Bilder können Lücken zum Textverständnis schließen. Lesekarteien mit differenzierten Textmengen können für die Schüler vorbereitet werden, eigene Textproduktion kann vom Originaltext als Modell angestoßen werden. Szenisches Spiel, Papiertheater, Schattentheater, Bilderbuchrollkino, bildnerische Weitergestaltung – alles Methoden des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichtes, um Bilderbücher lebendig werden zu lassen. Methoden, die sich auf Bild und Text beziehen und eigene Bilder, Texte und Spielszenen hervorbringen. 
Genau dort begegnet uns immer wieder der Hinweis, auch Musik bei der produktionsorientierten Erarbeitung mit einzubeziehen. Allerdings erschöpfen sich die Unterrichtsvorschläge auffallend häufig in vagen Aussagen, dass man „das Bilderbuchkino mit doch Orff-Instrumenten musikalisch begleiten könne“. Welche Musik da entstehen kann, wie sie Bezug nimmt auf Text oder Bild oder beides bleibt im Dunklen. Genau diese Bezüge können jedoch ein sehr kreatives wie auch kompetenzorientiertes Arbeiten im Musikunterricht anstoßen und müssen sich nicht auf ein mehr oder weniger variationsarmes Klingelklangel, dass in der Hauptsache aus Imitation von Umweltgeräuschen besteht, beschränken. Die Musik ist im Gegensatz zu Text und Bild, an die sich handlungs- und produktionsorientierten Arbeitsimpulse anlehnen, in der Regel zuerst noch nicht da. Sie kann der Geschichte aber abgelauscht werden. 
Hier wird der Versuch unternommen, das Thema „Bilderbücher im Musikunterricht“ differenzierter zu betrachten. Es werden dafür zunächst die Handlungsfelder des Musikunterrichts in den Blick genommen.

Musik und Bewegung

In diesem Handlungsfeld ist man noch ganz nah an der Geschichte oder an der Illustration. Aus dem szenischen Spiel zur Bilderbuchgeschichte können stilisierte Bewegungsformen entwickelt werden, die zu einer kleinen Choreographie werden. Der Übergang vom szenischen Spiel zum gestalteten Bewegung und zum Tanz ist fließend. Wenn die kleine Maus, eigentlich ja nicht auf dem Weg zum Grüffelo, im Wald unterwegs ist, kann dieser Weg sehr viel mehr sein als bloßes Dahintippeln. Aus schnellen und langsamen Bewegungen, aus Erschrecken, Freude, Ruhepausen können stilisierte und geplante Bewegungen entwickelt werden, die aus einem Spaziergang einen Spazier-Tanz machen – und die Bäume sind die zum Leben erwachte Mittänzer. Untermalend zu diesen Bewegungen, kann dann auch eine Mäusemusik erfunden werden – eine Mäusemusik für einen Mäusetanz. Aus einer einzelnen Bilderbuchseite kann eine Choreographie entwickelt werden: Wenn in „Der Bär und das Wörterglitzern“ der Bär sich zwischen einem Dutzend Stühlen herumlümmelnd langweilt, kann man über die Szene hinausfabulieren: Was alles könnten wir anstellen mit den Stühlen in unserem Klassenraum  und mit welchem Stuhltanz vertreiben wir die Langweile?

Lied und Stimme

Kinder lieben es, immer wiederkehrenden Textstellen mitzusprechen. Unterlegt man ihnen eine kleine Melodie, ist der Anfang zum Bilderbuchlied gemacht. Diese Lieder − sei es, dass sie Originaltexte musikalisieren oder mit eigenen Worten den Inhalt des Buches aufgreifen,  sind gerade bei jüngeren Schülern sehr beliebt. Sie können Ritualfunktion bekommen; sie können zwischen einzelnen Buchszenen gesungen werden und so aus den Kindern aktive Zuhörer machen, sie können beim szenischen Spiel zu einem Bilderbuch als Ankerlied das gemeinsame Miteinander zwischen den Spielszenen von Kleingruppen sein. Arbeitet man mit einer Lerngruppe eine Woche lang intensiv, fächerübergreifend mit einem Bilderbuch, kann das Bilderbuchlied täglich wiederholt und weiterentwickelt werden: es können kleine Instrumentalbegleitungen entstehen, vielleicht sogar neue Strophen und textbegleitende Gesten erfunden werden. Das Bilderbuchlied vertieft das Textverständnis der literarischen Vorlage und schafft einen hohen emotionalen Bezug zum Buch.
Auch können einzelne Textteile oder Wörter sprachlich besonders gestaltet oder rhythmisch gesprochen werden. Wie klingt denn wohl die Maschine in „Die große Wörterfabrik“, die Tag und Nacht Wörter produziert, wie klingen mehrere Wortmaschinen gleichzeitig? Aus rhythmisch gesprochenen Wörtern werden Rhythmicals, die wiederum Grundlage für polyrhythmisches Musizieren sein können, wenn die gesprochenen Wörter durch Klänge ersetzt werden.

Musik erfinden

Die Verklanglichung von Texten kann eine sehr gewinnbringende Arbeit im fächerübergreifenden Unterricht sein, denn sie vertieft zum einen das Textverständnis und bereichert die literarische Vorlage um eine weitere Dimension. Dies wäre die deutschdidaktische Perspektive. Aus musikdidaktischer Sicht hat der Text  oder auch das Bild hingegen eher die Funktion eines Vehikels: angeregt durch die ihnen vertrauteren Medien Wort und Bild, sollen die Kinder auf die Suche gehen und geeignete Klangereignisse assoziieren und gestalten, um außermusikalische  Vorgänge in Musik zu übersetzen. 
Will man nicht nur einzelne Seiten, sondern eine ganze Geschichte verklanglichen, sollte man bei der Auswahl beachten, dass nicht jedes Bilderbuch für eine musikalische Ausgestaltung gleichermaßen gut geeignet ist, sondern, dass sowohl inhaltliche als auch formale Aspekte im Vorfeld beachtet werden sollten: Zum einen sollte ein klarer Handlungsstrang zu erkennen sein. Damit sind Rückblenden, das Eintauchen in Innenwelten oder das Zusammenfügen parallel laufender Handlungen ja nicht unbedingt per se ausgeschlossen. Doch je jünger die Kinder sind, desto linearer und klarer sollte der Verlauf der Geschichte sein. Die Anzahl der Hauptcharaktere, bzw. Hauptgruppen sollte überschaubar bleiben, um eine ebenfalls nachvollziehbare Analogie bei einer Verklanglichung oder Klanggestaltung anzuregen.
Auf der Inhaltsebene scheinen mir fantastische Erzählungen in der Regel ergiebiger als realistische Kinderliteratur, da die magischen Elemente wie Verwandlungen, Zaubereien oder märchenhafte Wesen sowohl musikalisch als auch in der Bewegungsdarstellung oder bei anderen Formen visueller Präsentation (Puppenspiel, Schattentheater) interessante transformatorische Möglichkeiten eröffnen.
Geschichten, in denen Musik oder besondere Klänge selbst Inhalt sind, regen per se schon zu einer musikalischen Umsetzung an, wie z. B.  „Kakadudel“ (Silke Lambeck), „Jaga und der kleine Mann mit der Flöte“ (Irina Korschunow), „Der Josa mit der Zauberfidel“ (Janosch), „Florino, der Regentropfenfänger“ (Babara Bogacki) oder „Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen“ (John Irving).

Formale Strukturen übertragen – Analogien finden

Reihungen

Die formale Anlage der Bilderbuchgeschichte sollte unter dem Gesichtspunkt einer musikalischen Gestaltung nicht außer Acht gelassen werden. Es gibt zum einen Reihengeschichten. Eine klassische Reihung ist z. B. „Die Geschichte vom dicken, fetten Pfannekuchen“: einer Hauptfigur begegnen nacheinander  verschiedene Personen oder verschiedene Erlebnisse. Sehr einfache Reihengeschichten sind viele der Bilderbücher von Eric Carle wie „Die kleine Maus sucht einen Freund“ oder „Die kleine Spinne spinnt und schweigt“. Komplexere Reihungen sind z. B.  „Pezzettino“ oder „Swimmy“ von Leo Lionni, „Der Grüffelo“, oder „Riese Rick macht sich schick“ (Axel Scheffler / Julia Donaldson). Das Grundrezept zum Musikerfinden solcher Geschichten liegt darin, dem Hauptakteur eine besondere, kleine Musik zuzuordnen, ein Leitmotiv, das bei jeder Wiederkehr auf die gleiche Person verweist. Diese Leitmotive können musikalisch sorgfältig ausgestaltet werden; das Aussehen, der Habitus und die Gefühlslage des Protagonisten können sich in ihm wiederfinden. Die „Begegnungen“ können dann je nach Jahrgangsstufe (und Kreativität der Kinder) einfacher gestaltet werden; hier reichen gerade bei jüngeren Schülern manchmal bereits kleine imitative oder deskriptive Elemente: ein Pferd klingt anders als ein Hase. Welche Instrumente passen für diese Tiere? Welche Geräusche können wir nachahmen (Imitation), welche Bewegungen oder sogar Gefühlszustände lassen sich auf das Instrument übertragen (Deskription)? 
Bei älteren Kindern werden diese Überlegungen nur der allererste Ausgangspunkt für eine weitere Arbeit sein, denn ein Pferdegetrappel kann dann weiterhin rhythmisch ausgestaltet werden, verändert werden, kann von einem oder mehreren Instrumenten gespielt werden, kann lauter werden, wenn das Pferd sich nähert, wieder leiser werden, wenn es sich entfernt, eine A-B-A-Form kann angelegt werden, eine Pause im Pferdemotiv vorgegeben werden und vieles mehr. Je öfter die Kinder Aufgaben zum Erfinden von Musik erhalten, desto mehr erschließen sie sich bei dieser Arbeit musikalisch-kompositorische Prinzipien. Dieser Prozess ist vergleichbar mit dem Freien ­Schreiben: je öfter man ausprobiert und darüber gemeinsam reflektiert, desto ausgefeilter, weil auf mehr Erfahrung begründet, gelingen die Ergebnisse.

Rondoformen

„Gute Nacht und – angenehme Ruh!“, wünscht der Hausherr in „Es klopft bei Wanja in der Nacht“ (Tilde Michels) jedes Mal, wenn es sichein Tier in seinem Haus gemütlich gemacht hat und im Grüffelo spricht die kleine Maus, gleichsam kopfschüttelnd „Wie dumm von dem Fuchs!...“ Die wiederkehrenden Elemente sind musikalisch mit dem Rondo zu vergleichen. Das Rondo ist eine Variation der Reihenform, in dem nach einer Begegnung oder einem Ereignis ein immer gleiches (musikalisches) Element auftaucht. Neben dem erwähnten „Es klopft bei Wanja in der Nacht“ und dem „Grüffelo“ liegt auch dem „Igel mit der roten Mütze“ (Butler/Macnaughton) oder „Paulas Reisen“ (Paul Maar) eine Rondoform zugrunde.

Wechsel der Handlungsebenen 

Der Wechsel der Handlungsebenen im Text ist musikalisch ergiebig. Das Eintauchen in eine andere Welt kann durch besondere Verwandlungsmotive musikalisiert werden, oder die Klangfarbe der Musik kann verändert werden, um den Kontrast zu verdeutlichen. Der Wechsel der Ebenen kommt häufig als Rahmenerzählung vor, in denen die Hauptperson in eine andere, parallele Welt reist und zum Ende aber wieder am Ausgangspunkt ist. Wir finden dies in „Wo die wilden Kerle wohnen“ (Maurice Sendak), in „Paulas Reisen“ oder in „Der Aufzug“ von Paul Maar.

Tempo und Dynamik 

Steigerungen von Tempo und Dynamik innerhalb der Handlung verweisen auf eine musikalische Analogiebildung. Ein zunächst kleines musikalisches Motiv kann immer größer, lauter, gewaltiger, behäbiger – oder immer schneller werden. Beispiele für Steigerungen finden sich in „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak oder in „Das größte Haus der Welt“ von Leo Lionni.

Kontraste 

Kontraste sind musikalisch sehr ergiebig. Die musikalische Darstellung eines Kontrastes kann sich in der leitmotivischen Arbeit und bei einer untermalenden Hintergrundmusik niederschlagen. Starke Kontraste und / oder Spiegelungen thematisieren „Die Blume und der Baum“ (Giocanda Belli) oder  „Riesengeschichte / Mausemärchen“ (Annegert Fuchshuber). Ebenso genuin musikalisch ist die Variation eines Grundthemas. Das musikalische Motiv wird verändert, bleibt aber noch erkennbar. Wie kann man verändern? Durch die Instrumentierung, durch ein anderes Tempo, eine andere Besetzung, ein paar andere Melodietöne. Das Variationsthema findet sich z. B. in „Fisch ist Fisch“ (Leo Lionni),  „Heute bin ich“ und komplexer in „Stimmen im Park“ (Anthony Browne).

Bilder als grafische Notation

Musik erfinden kann aber auch von der einzelnen Bilderbuchseite ausgehen, in dem zum visuellen Impuls musikalische Analogien gefunden werden. Strichführung, Farbstärke, Farbwechsel werden bewusst wahrgenommen und musikalisiert. Der Marsch der beharrlichen Schildkröte „Tranquilla Trampeltreu“ ist immer gleichbleibend, denn aus der Ruhe bringt man Tranquilla so schnell nicht. Doch um sie herum wird es Nacht, wird es wieder Tag – wie bringen wir dies zum Erklingen? Aus der Illustration wird eine Notation.

Musik hören 

Ein Bilderbuch kann als musikalische Vorlesezeit inszeniert werden, in dem in den Lesepausen Musik gehört wird. Zu einigen Bilderbuchgeschichten gibt es gute Kompositionen („Der Josa mit der Zauberfidel“ von Janosch, Musik Wilfried Hiller oder „Ferdinand der Stier“ von Munro Leaf, Musik von Rolf Liebermann). Auch von der Lehrkraft selbst kann Musik ausgewählt werden, die Stimmungen des Textes verstärkt; es entstehen so Ruhepausen, in denen über die Geschichte nachgesonnen werden kann und die Pausenmusik selber bewirkt ihrerseits Stimmungen, die beim Weiterlesen den Vortrag mitträgt. In einer Geschichte von Andersen steigen die Figuren aus dem Bilderbuch und werden für die Kinder lebendig. Mit Musik können Bilderbuchfiguren und Kinder gemeinsam eine Menge Spaß miteinander haben.

Literatur

Birgit Jeschonneck: Das Bilderbuch im Musikunterricht der Grundschule. Annäherungen an eine verkannte Gattung. In:  Kampe, F./Oberschmidt, J./ Riemer, F. : Vielfalt neuer Wege. Bericht vom ersten Niedersächsischen Landeskongress Musikunterricht. Institut für musikpä-
dagogische Forschung Hannover 2014
Birgit Jeschonneck: Komponieren mit Kindern. In: „Die Grundschulzeitschrift“ 285/286, 2015 Friedrich Verlag, Velber
Christine Kretschmer: Bilderbücher in der Grundschule. Volk und Wissen 2003, Berlin
Jens Thiele (Hrsg.): Das Bilderbuch. Ästhetik – Theorie – Analyse – Didaktik – Rezeption. Oldenburg 2000, München

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