Welche Lieder mögen Kinder singen?Welche Lieder und Musikarten finden Grundschulkinder gut für den Musikunterricht?

Immer wieder taucht die Diskussion auf, ob man im Musikunterricht Kinder mit ihnen unbekannten Musikarten konfrontieren sollte, die eventuell nicht ihren musikalischen Vorlieben entsprechen. Ist es aus Motivationsgründen und im Sinne eines schülerorientierten Unterrichts nicht zielführender, das musikalische Angebot am Geschmack der Kinder zu orientieren? Aber nach welchen Kriterien beurteilen die Kinder überhaupt ein Lied? Thomas Raber hat Grundschulkinder befragt, welche Kriterien aus ihrer Sicht ein gutes Lied ausmachen.

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Musikalische Präferenz und Offenohrigkeit

Die Idee, Grundschüler nach ihren Musikpräferenzen zu befragen ist nicht neu. Schon 1982 führte David J. Hargreaves einige Studien zu musikalischen Präferenzen in drei verschiedenen Altersgruppen durch. Dabei stellte er fest, dass Kinder der Klassen 1 und 2 sehr offen für sämtliche Musikrichtungen sind. Mit zunehmendem Alter schränkt sich die präferierte Musik immer mehr in Richtung Popmusik ein. Hargreaves verwendet dafür den Begriff der „Offenohrigkeit“ („open-eard“), die mit zunehmendem Alter abnimmt. Hier wurde der Begriff der „Offenohrigkeit“ mit der „musikalischen Präferenz“ gleichgesetzt. Die Feststellung der musikalischen Vorlieben sagt allerdings nichts über die Bereitschaft der Kinder aus, sich auch mit nicht präferierter Musik auseinander zu setzen. Können also durchaus Freude am Musikunterricht haben, der sich nicht mit ihrer Lieblingsmusik befasst.

Christoph Louven und Aileen Ritter haben den Begriff der „Offenohrigkeit“ aus diesem Grund im Zuge einer 2013 durchgeführten Studie neu definiert: Sie entwickelten einen sogenannten „Offenohrigkeitsindex“ (OOI), der sich neben der musikalischen Präferenz auch noch aus der Bereitschaft ergibt, sich mit musikalischem Material auseinander zu setzen. So sei jemand, der sich nicht präferierte Musik freiwillig länger anhört (vielleicht aus Neugier) und präferierte Musik kürzer anhört (weil sie ohnehin schon bekannt ist) „offenohriger“ als eine Person, bei der dies umgekehrt der Fall ist. Wenn man sich nun die Veränderung des Offenohrigskeitsindex im Laufe der Grundschulzeit ansieht, ergibt das ein ganz anderes Bild, als bei Hargreaves: Die Offenohrigkeit nach der Definition von Louven und Ritter verändert sich mit dem Alter nicht. Das bedeutet für den Musikunterricht, dass die Lehrperson nicht unbedingt auf den Musikgeschmack der Kinder Rücksicht nehmen müsste, wenn viele „offenohrige“ Kinder in der Klasse sind. Für diese Kinder wäre das Angebot an Musikarten, das über das Gewohnte hinausgeht, eine Bereicherung für den Unterricht, weil sie Interesse daran haben. Diese Studie hat auch ergeben, dass ein gewisser Grad an Offenohrigkeit in jeder Klasse vorhanden ist. Viele Kinder sind also neugierig und offen für Neues und Anderes. Dieses Interesse sollte bei Kindern auf jeden Fall gefordert und gefördert werden. Es ist die Voraussetzung für die Entwicklung zu toleranten und weltoffenen Menschen, was ein Bildungsziel unseres Schulwesens ist. Darum möchte ich an dieser Stelle dazu ermutigen, Kinder im Musikunterricht immer wieder ihnen unbekannte Musik anzubieten.

Bewegungspotential

Eine Studie von Caroline Cohrdes u.a. (2014) hat bestätigt, dass Kinder im Grundschulalter Musik besser beurteilen, wenn das Potential eines Stückes zur Bewegungsanregung höher ist. Diese Studien haben mich bewegt, selbst eine Befragung in Grundschulklassen durchzuführen. Dabei habe ich gefragt, ob es schön sei, wenn zu einem Lied Bewegung oder Tanz möglich ist. Die überwiegende Mehrheit der Kinder stuften die Bewegungsmöglichkeit als „wichtig“ ein. Die Kinder, die dies als unwichtig einschätzten, gaben auch an, dass sie Bewegung bzw. Tanz eher ablehnten. Dies ist übrigens auch bei Erwachsenen so, dass sich manche gerne zur Musik bewegen und andere Nichttänzer sind. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass solche Leute es trotzdem genießen, wenn sie einfach dabei sind und zusehen können. Für den Schulalltag im Musikunterricht bedeutet dies aber, dass jede Art von Bewegung oder Tanz, die zu einem Lied möglich ist, die Identifikation und die Freude mit dem Lied für die Kinder wesentlich heben kann. Allerdings wird es immer Kinder geben, die sich nicht gern zu Musik bewegen, ohne aber das Lied oder die Musik innerlich abzulehnen.

Gemeinsames Singen

Von den meisten Kindern wurde gleich zu Beginn der Befragung gesagt, dass sie es mögen, wenn man ein Lied gemeinsam singt. Es sind nur wenige Kinder, die das Singen nicht wichtig finden. Nur zwei Kinder haben mir gesagt, dass sie nicht gerne singen, sondern lieber nur Musik hören. Die Korrelation zwischen den Bewertungen der Wichtigkeit des Singens und den Bewertungen der Wichtigkeit der Bewegungen zeigen übrigens einen signifikanten Zusammenhang: Die Kinder, die sich nicht gern zu einem Lied bewegen, singen auch nicht gern mit.

Textinhalt

Von Seiten der Lehrerkräfte wird auf den Text oft ein großes Augenmerk gelegt. Denn hier gibt es die Möglichkeit Lerninhalte musikalisch zu verpacken oder die Liedauswahl an den lebensweltlichen und jahreszeitlichen Themen anzulehnen. In vielen Fällen wird bei der Planung darauf geachtet, dass die Inhalte des Textes mit dem Unterrichts- bzw. Wochenthema zusammenpassen. Interessanterweise achten Kinder auf den Textinhalt allerdings zunächst gar nicht. Die meisten Kinder halten den Text eines Liedes für nebensächlich. Die Kinder, die angaben, dass der Text sehr wichtig ist, äußerten dies nicht spontan, sondern erst nach einiger Überlegung, wonach der Text wohl wichtig sein müsste (im Sinne der Lehrkraft). In meiner Befragung konnte ich zu dem Ergebnis kommen, dass der Text für die Kinder kein Hinderungsgrund für eine gute Bewertung des Liedes ist, aber eben auch meist nicht zur Hebung des freudvollen Singens beiträgt. Anders könnte die Bewertung der Kinder ausfallen, wenn es sich ausdrücklich um Sprachspielereien und Spaßtexte handelt (z.B. Wörter durch Geräusche/Bewegungen ersetzen, Schüttelreimen, alle Vokale auf „o“, …).

Mein Fazit aus der Befragung: Für Kinder ist der Text als Kriterium für die Auswahl eines Liedes eher unwichtig. Es muss für sie auch nicht zum Wochenthema passen. Aus Sicht der Kinder sind vor allem die Kriterien „Bewegungspotential“ und „gute Singbarkeit“ entscheidend. Wenn das Lied zur Bewegung anregt und für das gemeinsame Singen gut geeignet ist, fällt die Beurteilung der Kinder gut aus. Aus den Studien zur Offenohrigkeit (Louven und Ritter) wissen wir aber, dass sich viele Kinder auch gerne mit Musik auseinandersetzen, die nicht ihrem Geschmack entspricht. Daher macht es sicherlich viel Sinn, Kinder unabhängig von deren Musikgeschmack mit vielfältigen Liedern, Taktarten und Musikstilen zu konfrontieren. Dies wird umso besser funktionieren, wenn auch die unbekannte Musik über Bewegung und gemeinsamen Gesang erlebbar gemacht wird.

Literatur:

Cohrdes, Caroline u.a.: „Der Körper als Mediator: Möglichkeiten einer unvermittelten Beschreibung von Musik(-präferenzen) im Grundschulalter“, in: Auhagen, Wolfgang u.a. (Hrsg.), Offenohrigkeit – Ein Postulat im Fokus. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie, Göttingen: Hogrefe Verlag 2014 (Bande 24), S.169-197.

Gembris, Heiner u.a.: „Empirische Ansätze. Replikationsstudien bestätigen das Phänomen der Offenohrigkeit im frühen Grundschulalter“, in: Musikpsychologie Bd.24, Göttingen: Hogrefe Verlag 2014, S.100-132.

Hargreaves, David J.: „The development of aesthetic reactions to music“, in: Psychology of Music (Special issue), 1982, S.51-54.

Louven, Christoph und Ritter, Aileen: „Hargreaves‘ „Offenohrigkeit“-Ein neues, softwarebasiertes Forschungsdesign“, in: Knigge, Jens und Niessen, Anne (Hrsg.): Musikpädagogisches Handeln. Begriffe, Erscheinungsformen, politische Dimensionen, Essen: Die Blaue Eule 2012, S.275-299.

Raber, Thomas: Welche Kriterien legen Kinder im Volksschulalter, PädagogInnen und Kinderliedermacher der Beurteilung von Kinderliedern zugrunde? Masterarbeit Institut Musikwissenschaft der Universität Wien 2016.

Mehr zum Thema:

Cohrdes, Caroline u.a.:  Der Körper als Mediater: Möglichkeiten einer unvermittelten Beschreibung von Musik(-präferenzen) im Grundschulalter 

Langzeitstudie von Christoph Louven: Mehrjähriges Klassenmusizieren und seine Auswirkungen auf die „Offenohrigkeit“ bei Grundschulkindern

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