Mit Musik dem Glück auf der SpurMacht Musik glücklich?

Gemeinsamem Musizieren werden viele gute Eigenschaften zugeschrieben. Aber macht Musik auch glücklich? Und was ist eigentlich Glück? Diese Fragen beschäftigen zwar nicht nur die Wissenschaft, ihnen wird aber in diesem Beitrag auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse nachgegangen.

Mit Musik dem Glück auf der Spur

Foto: © imago images /MITO

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Ein Märchen aus Mexiko schildert, wie die Musik das Glück auf die Erde brachte. „Komme, o Wind!“ Tezcatlipoca, Gott des Himmels und der vier Himmelsrichtungen, rief den klagenden Erdenwind. Die traurige Erde sei des Schweigens überdrüssig. Sie habe Licht, Farben, Früchte, doch fehle ihr die Musik. Der Wind sollte dafür sorgen, dass alle vielfarbigen Melodien, Musikanten und Sänger, die glücklich im Lichte des Himmels bei Vater Sonne wohnten, ihn auf die Erde begleiteten. Mithilfe von Blitzen und Donnergrollen gelang es dem Windgott, die Musiker und Sänger zur Erde zu bringen. Sie verstreuten sich über die Erde und mit ihnen kehrte das Glück ein. Der Wind vergaß seine Klagen und sang. Alles lernte zu singen: der erwachende Tag, der träumende Mann, das spielende Kind, die wartende Mutter, das fließende Wasser und der Vogel der Luft (vgl. Kreusch-Jacob 2001, S. 9-10).

Auch in vielen anderen Märchen, Sagen und Mythen ist die Musik mit Glück verbunden. In einem Märchen von der Entstehung der Welt aus Japan zum Beispiel wird die Sonnengöttin Amaterasu von wunderbarer Musik und von Tanz aus einer dunklen Höhle gelockt. So wird die finstere und leere Erde hell, bunt und lebendig. Generell wird der Ursprung der Musik in vielen Kulturen den Göttern zugeschrieben und Musik als ein Mittel angesehen, Verbindung zum Göttlichen aufzunehmen.

Bedeutung von Musik für den Menschen

Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann, erörtert der Neurowissenschaftler und Musikphysiologe Eckart Altenmüller auf der Grundlage seiner Forschungen in einem kürzlich erschienenen gleichnamigen Buch. Das Singen und Musizieren sei Teil unseres Menschseins, da Musik der Verständigung zwischen Menschen auf mehreren Ebenen diene und dazu beitragen könne, die Welt und unser Leben besser zu verstehen und zu ertragen (vgl. Altenmüller 2018, S. 9). Dass Musik nicht nutzlos, also kein „akustischer Käsekuchen“, d.h. eine letztlich unnötige Delikatesse, ist, sondern vielmehr eine vielschichtige, grundlegende soziale Kunst, die älter ist als die Sprache, lässt sich an der wichtigen Rolle der Musik in der menschlichen Entwicklungsgeschichte sehen. Das Musizieren brachte offenbar evolutionäre Vorteile für den Menschen, etwa durch das Erzeugen von emotionalem Zusammenhalt in der Gruppe oder durch die Koordination und Synchronisation von Bewegungen im Tanz oder bei der Arbeit. Nicht nur im Neandertal – bis in die Gegenwart ist Musik für den Menschen wichtig. Vermutlich wurde sie als Kommunikationssystem neben der Sprache beibehalten, um Gefühle zu übermitteln, Gruppenprozesse zu fördern und die Arbeitsorganisation zu erleichtern, vor allem aber, um Glücksgefühle zu ermöglichen und damit das Leben lebenswerter zu machen.

Was ist Glück eigentlich?

In der deutschen Sprache wird der Begriff "Glück" heute in zwei sehr unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht: Glück haben und Glück empfinden. Das Empfinden von Glück ist sowohl ein kurzer Gefühlsmoment als auch ein Zustand, in dem sich eine Person befindet und der sich durch ein allgemeines, oft unbewusstes Wohlbefinden auszeichnet. Entscheidend sind dabei nicht die objektiven Tatsachen, sondern ist das subjektive Erleben der betreffenden Person.

"Glück empfinden" existiert also in zwei möglichen Varianten:

  • kurze Zeitdauer, wir erleben einen Glücksmoment (englisch: pleasure). Beispiele hierfür sind: eine Lieblingsmusik hören; etwas Gutes essen; mit Freunden zusammen sein; eine wichtige Sache erfolgreich abschließen und
  • dauerhaftes Gefühl, im Glück leben (englisch: happiness). Beispiele hierfür sind: mit dem Leben zufrieden sein; sein Leben als „gut“ wahrnehmen oder einschätzen.

In der Psychologie wird Glück als extrem starke positive Emotion und vollkommener, dauerhafter Zustand intensivster Zufriedenheit beschrieben. Häufig wird in der interdisziplinären Glücksforschung zwischen dem aktuellen Glückserleben („state“, englisch: Zustand) und dem biographisch entwickelten, länger überdauernden Glück („trait“, englisch: Charakterzug, Merkmal) unterschieden. Dabei kann das ekstatische, momenthafte Glück auch zu einem guten, als gelingend empfundenen Leben bzw. „Glück der Fülle“ beitragen. Die Vielschichtigkeit und Mehrperspektivität von „Glück“ stellt eine Herausforderung und Chance dar, alle Facetten des Phänomens auch im Zusammenhang mit der Musik zu erkunden.

Wie Glück entsteht

Was genau bewirkt im Menschen Glücksempfindungen? Aus der Neurologie ist bekannt, dass der linke präfrontale Cortex – ein Teil des Frontallappens der Großhirnrinde – zusammen mit anderen Gehirnregionen, etwa einem Nervenbündel im unteren Bereich des Vorderhirns und einigen Regionen unterhalb der Hirnrinde, für die Regelung von positiven Emotionen zuständig ist. Diese Gehirnregionen regeln u.a. die Ausschüttung von Dopamin, welches häufig auch als Glückshormon bezeichnet wird. Es wird in Situationen ausgeschüttet, in denen wir uns freuen oder Vorfreude empfinden, und spielt eine wichtige Rolle im Rahmen motivationaler Prozesse. Auch Serotonin hat einen Einfluss auf das Glückserleben und beeinflusst das Erinnerungs- und Lernvermögen. Mangel an Serotonin führt zu Depressionen, Mangel an Dopamin zu Lustlosigkeit – beide Mangelerscheinungen sind Antagonisten von Glück. Der linke präfrontale Cortex könnte zusammen mit dem Nucleus accumbens, einem Nervenknoten im unteren Bereich des Vorderhirns, daher auch als Glückszentrum bezeichnet werden (vgl. Bucher 2009, S. 55-61).

Musik und Glück

Es gibt nur wenige Dinge, die Menschen auf so einfache Weise mit Glück erfüllen können und die so stark auf das Leben einwirken, wie die Musik. Warum dies so ist, versucht man in der Wissenschaft seit langem herauszufinden; noch sind aber viele Details offen. Fest steht: Musik verändert den Herzschlag, den Blutdruck, die Atemfrequenz und die Muskelspannung des Menschen. Außerdem beeinflusst sie den Hormonhaushalt und kann die Ausschüttung von „Glückshormonen“ wie Dopamin, Serotonin und Oxytocin verursachen. Eine Studie zu den psychobiologischen Wirkungen des Singens, in deren Rahmen Speicheluntersuchungen unter Mitgliedern eines Konzertchores durchgeführt wurden, ergab, dass gemeinsames Singen auf körperliche Stress- und Immunvorgänge wirken kann; dabei spielte die unterschiedliche Konzentration des Proteins Immunoglobulin und des Hormons Cortisol eine Rolle. Eine daran anknüpfende Studie erwies, dass das Singen positive Auswirkung auf das subjektive Wohlbefinden haben, die Stimmung verbessern, Stress mindern und allgemein die Gesundheit fördern kann. Eigenes Singen erzeugte im Vergleich zum bloßen Musikhören mehr positive Emotionen und minderte negative Stimmungsanteile (vgl. Kreutz 2015, S. 87 ff.). Gesundheit ist keine Voraussetzung für Glück, aber Glück fördert die Gesundheit und das Wohlbefinden.

Chancen des Musizierens

Für Kinder – wie für Menschen anderer Altersgruppen – bietet das Musizieren besondere Glückspotentiale im Blick auf erfüllte Augenblicke wie auf ein sinnerfülltes Leben. Kinder sind intuitiv Musiklernende und werden mit allen Voraussetzungen für musikalische Entfaltung geboren. Das Musizieren ist ein elementares menschliches Ausdrucksbedürfnis. Es wirkt auf Denken, Fühlen und Handeln, entwickelt Feinheiten des Gehörs und kann das Lernverhalten allgemein (Ausdauer, Aufmerksamkeit) und die Sprachentwicklung fördern. Interessant sind im Zusammenhang mit der Hör- und Sprachverarbeitung Ergebnisse einer Studie zur elementaren Musikpraxis mit Kindergartenkindern. Demnach wirkt der ganzheitliche Umgang mit Musik („musikalische Früherziehung“) genauso gut auf die individuelle phonologische Bewusstheit wie ein gezieltes Sprachtraining (vgl. Kreutz 2015, S. 125-130). Das aktive Spielen eines Instruments, das Singen oder Tanzen bieten besonders gute Chancen für Glückserfahrungen, da es sinnlich unmittelbare, selbstgesteuerte Aktivitäten im Hier und Jetzt sind, bei der alle menschlichen Grundvermögen und Potenziale, das heißt „Kopf, Herz und Hand“, zusammenwirken. Das Musizieren setzt am Körper und bei der unmittelbaren ästhetischen Erfahrung an. Musizieren-Lernen beinhaltet Bewegungslernen, motorische Differenzierung, Arbeit am Körperbewusstsein und Körperbild, Funktionslust. Außerdem geht es im Musizieren explizit nicht nur um das Begreifen von Musik und die kreative Gestaltung von Klang in der Zeit, sondern auch um das intensive Erleben, Durcharbeiten, Aktualisieren und Erinnern von Gefühlen, um den nonverbalen Ausdruck von Gefühlen, um Kommunikation und soziale Interaktion. Ergebnisse von Studien legen nahe, dass zum Beispiel qualitativ hochwertige Singangebote die soziale Integration von Grundschulkindern langfristig deutlich fördern können (vgl. Kreutz 2015, S. 67). Dabei sei es wichtig, sich nicht mit kurzfristigen Projekten zufrieden zu geben, sondern langfristige Angebote zu schaffen.

Offene Ohren für Musik

Es gibt also viele Gründe dafür, der Musik in der Grundschule einen hohen Stellenwert zu geben. Kinder sind trotz ihrer Heterogenität – bedingt durch verschiedene Sozialisation, Erziehung, Motivation, Persönlichkeit, Voraussetzungen, Vorlieben, Interessen etc. –für sehr verschiedene Musikarten und Weisen des Umgangs mit Musik empfänglich. Es wäre nachlässig, diese „Offenohrigkeit“ nicht zu nutzen und sich gemeinsam mit den Kindern neugierig auf die Vielfalt an musikalischen Stilen und Genres einzulassen. Gemeinsames Musizieren und Erfinden von Musik, Verklanglichen von Bilderbüchern, musikalische Fantasiereisen und Hörgeschichten, Musik zum Mitsingen, Musik zum Hinhören oder zum Träumen, Malen zu Musik, Musik zum Bewegen oder zum Tanzen – Kinder reagieren unterschiedlich auf musikalische Aktivitäten und Angebote. Umso wichtiger ist ein freudiger, abwechslungsreicher Umgang mit Musik, der möglichst viele Kinder anspricht, ihre Interessen aufgreift und Kreativität und Musikalität fördert. Es empfiehlt sich, die Kinder Musik mitbringen oder auswählen zu lassen, aber auch, eigene Lieblingsmusiken einzubringen, die oft besonders authentisch vermittelt werden können. Gemeinsame Konzertbesuche und Kooperationen oder Projekte mit anderen Bildungs- und Kulturinstitutionen wie zum Beispiel Musikschulen, Konzerthäusern, Opernhäuser können zudem wertvolle Impulse liefern und das musikalische Sichtfeld erweitern helfen.

Glückserfahrung im oder durch Unterricht?

Ob Kinder im Unterricht Glück oder Unglück erleben, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab (vgl. Bradler; Losert; Welte 2015). Eine große Rolle spielt die biografische, pädagogische und kulturelle Vorerfahrung und die daraus resultierende Erwartungs- und Anspruchshaltung. Viele Menschen erleben soziale Beziehungen und Tätigkeiten, etwa Aktivitäten mit Freunden und der Familie, als beglückend (vgl. Bucher 2009, S. 92-119). Eine wichtige Rolle für empfundenes Glück im Zusammenhang mit Musikunterricht könnte entsprechend auch der soziale Kontakt, d.h. der Prozess des Musizierens und Musiklernens mit anderen, spielen, zumal Musizieren per se das Gruppengefühl stärkt. Weitere Faktoren, die Glückserfahrungen in Unterrichtssituationen möglicherweise begünstigen, sind:

  • eine gute Unterrichtsatmosphäre, geprägt von gegenseitigem Respekt und der Bereitschaft zum (Zu- oder) Hinhören;
  • eine freundliche, offene, wertschätzende, feinfühlige, verlässliche und kompetente Lehrkraft, die Musik liebt, gern musiziert und unterrichtet;
  • die Gewissheit, im Unterricht mit seinen Bedürfnissen, Wünschen und Ideen ernst genommen und gehört zu werden;
  • angemessen individuell gefördert und gefordert zu werden (weder Unter-,  noch Überforderung), bewältigbare, abwechslungsreiche Aufgaben, erreichbare Ziele, ein realer, deutlich erfahrbarer Zuwachs an musikbezogenen Fertigkeiten und Kenntnissen;
  • eine unterstützende, anregende und methodisch vielfältige Anleitung und Begleitung, die Sicherheit und Orientierung gibt, aber auch Raum für eigene Initiative und Entwicklung lässt;
  • ein angemessenes Feedback der Lehrkraft (Lob, konstruktive Kritik) und Unterstützung durch Eltern, Freunde etc.;
  • ein geeigneter, angenehmer Unterrichtsort.

Das Streben nach Glück ist dem Streben nach Bildung übergeordnet. Allerdings ist Glück als umstandslos positive, unmittelbare Erfahrung beim Musizieren und im Musikunterricht weder planvoll ansteuerbar noch bis ins Detail ergründbar. Empfundenes Glück hängt maßgeblich von der eigenen Haltung, Einstellung und subjektiven Bewertung ab. Aber es ist möglich, eine Haltung der wachen, sensiblen, gelassenen Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt zu entwickeln und zu kultivieren. Diese schafft einen guten Nährboden für das Erleben von Glück beim Musikhören und Musizieren ebenso wie beim Unterrichten. Das Glück der Lehrenden und das der Lernenden sind häufig komplementär. Wenn Sie als Lehrende Ihre Tätigkeit als prinzipiell sinnvoll ansehen und Glücksmomente bei der Arbeit und im Umgang mit Musik erleben, stehen die Chancen gut, dass Sie Ihre Schülerinnen und Schüler für Musik begeistern und zu ihrem Glück beitragen können.

Heft zum Thema

Grundschule Musik Nr. 92: Glück


Literatur

Altenmüller, Eckart (2018): Vom Neandertal in die Philharmonie. Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann. Berlin: Springer. Online verfügbar unter dx.doi.org/10.1007/978-3-8274-2186-9.

Bradler, Katharina; Losert, Martin; Welte, Andrea (Hg.) (2015): Musizieren und Glück. Perspektiven der Musikpädagogik. Mainz: Schott (üben & musizieren: Texte zur Instrumentalpädagogik).

Bucher, Anton A. (2009): Psychologie des Glücks. Ein Handbuch. Weinheim: Beltz.

Kreusch-Jacob, Dorothée (Hg.) (2001): Glöckchen, Trommel, Zaubergeige. Musikmärchen aus aller Welt. 11., überarb. und erw. Ausg. Mainz: Schott.

Kreutz, Gunter (2014): Warum Singen glücklich macht. Gießen, Lahn: Psychosozial-Verlag (Sachbuch Psychosozial).

Suppan, Wolfgang (1984): Der musizierende Mensch. Eine Anthropologie der Musik. Mainz: Schott (Musikpädagogik, 10).

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