UnterrichtseinstiegeStorytelling – warum die Erzählkunst so bedeutend ist

Geschichten zu erzählen, sie mit den Lerninhalten verknüpfen und dabei so zu begeistern, dass sie womöglich von den Kindern in der Grundschule weitererzählt werden, ist eine kleine Kunst – die man erlernen kann. Viele Studien zeigen, dass Informationen bereitwilliger aufgenommen werden, wenn dabei mehrere Sinne einbezogen werden. Eine lebhafte Erzählung, eindrucksvolle Bilder, authentische Emotionen – all das begünstigt das Lernen.

Storytelling in der Grundschule

Storytelling in der Grundschule Foto: Tumisi / pixabay.com

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Storytelling hilft, den eigenen Erfahrungsschatz zu untermauern oder auf neue Ideen kommen zu lassen, denn für das Gehirn gibt es zwischen wirklich Erlebtem und durch Geschichten innerlich Erfahrenem keinen Unterschied. Das betrifft übrigens auch Erwachsene, die sich emotional von Reportagen, Nachrichten und emotional aufgeladenen Diskussionssendungen innerlich bewegen lassen. Besonders im Musikunterricht in der Grundschule – aber auch in den weiterführenden Schulformen – kann Storytelling eine nachhaltige Lernmethode sein, denn in kaum einem anderen Fach können Geschichten und Fakten, zum Beispiel durch crossmediale Ansätze, auf natürliche Weise verbunden werden.

Storytelling, eine neue Methode?

Methoden des Geschichtenerzählens sind so alt wie die Menschheit selbst. Und auch, wenn wir ihr einen modernen Anstrich mit Begriffen wie narrative Didaktik oder Storytelling geben, ist sie in ihrer zutiefst menschlichen Verankerung nichts anderes als das mündliche Weitergeben von Wissen und Erfahrungen – in kleinen Geschichten eben. Ob die Bänkelsänger des Mittelalters noch technisch unbedarft mit Bildtafeln und Bänkchen (zur Erhöhung ihrer eigenen Person) auftraten, der Barde in der Antike seine Geschichten und Lieder mit Laute oder Leier von Mensch zu Mensch trug oder der Motivationstrainer heute mit einem Mikrofon vor hunderten Menschen steht und seine (Erfolgs-)Geschichte erzählt: Unterm Strich ist das Erzählen und Zuhören ein Grundbedürfnis. Danach haben wir unser Wissen erweitert, Grund zum Staunen gehabt und Stoff zum Weitererzählen erworben.

Storytelling neu entdeckt

In den Zweitausenderjahren, also vor knapp 20 Jahren, hat man diese Methode (z. B. für den Journalismus, das Marketing und die Psychologie) wiederentdeckt und auch für ihren Nutzen z. B. in Schulen unter die wissenschaftliche Lupe gelegt. Neben den gesellschaftlich und familiär geprägten Geschichten, die man weiterträgt (und von Mal zu Mal ein Stückchen blumiger oder spannender macht), hat das Storytelling – ich bleibe jetzt mal bei dem Begriff – eine wunderbare Wirkung in Klassenzimmern. Das Erzählen schafft eine schöne Lernatmosphäre, weil es die Kinder schon natürlicherweise nicht mit Wissen von oben herab begießt. Es ermöglicht, Inhalte (also z. B. Fakten) und Gefühle in ein Ganzes zu packen und auf sofort sichtbar werdenden Reaktionen zu reagieren. Und nicht zuletzt erreichen geschickte ErzählerInnen mit allen Finessen von Rhetorik, Körpersprache und Stimme die Kinder auf direktem Weg. Wir alle kennen den Unterschied zwischen „Konserve“ und „Life“ in der Musik.

Natürlich hat der Geschichtenerzähler vorher seinen Text geübt und vor dem Spiegel (oder auch vor Kindern, Nichten und Neffen) auf seine Wirkung überprüft. Er weiß, dass Sprechgeschwindigkeit, Artikulation, Betonung und mehr in seinem „Job“ lebenswichtig sind, aber er weiß auch, dass jeder Auftritt ein unbestimmtes Ende hat. Er weiß nie, welche Fragen auf den Aktionskünstler einprasseln und welchen Situationen er ausgesetzt ist. Ein Trost: Während im Mittelalter ein Bänkelsänger auch schon mal am Galgen endete, wenn seine Nachrichten als politisch unkorrekt gesehen wurden, bekommt der Storyteller von heute nur eine Art Abmahnung: „Hat mir nicht gefallen!“

Geschichtenlesen und Storytelling in der Grundschule

In Geschichten verpacktes Wissen kommt also bei Kindern nicht nur gut an, sondern bietet darüber hinaus die direkte Möglichkeit, daran anzuknüpfen – mit Fragen, mit praktischem Tun, mit der Motivation zum Weiterforschen. Dann kann aus einer – wie ich es nenne – Erfahrung zweiter Ordnung eine Erfahrung erster Ordnung werden. Ohne Erfahrung bzw. die Erlebnisfähigkeit während einer Erfahrung bleibt ein Rat ein Rat, eine Erklärung eine Erklärung und ein Wissensinhalt ein Wissensinhalt. Kinder lernen es zwar, etwa aus dem Grund „weil’s so ist“ oder weil sie eine gute Note wollen, aber wenn das Erleben fehlt, fehlt auch die Nachhaltigkeit des Gelernten. Dann verhält sich die „leblose Erfahrung“ wie ein Buch, das man ins Regal stellt.

Das Lesen, das eigene und das Vorlesen, lässt zwar wesentlich mehr Freiheit zum Denken und für Fantasie als ein Transport über visuelle Medien wie Fernsehen, Youtube und Co, die uns das Gericht umfassend über alle Sinne präsentieren, uns aber doch alles in unveränderbaren Buchstaben vorgeben. Wie schon erwähnt übt ein Storyteller natürlich vorher seinen Text, aber durch den freien Vortrag (oder auch Ergänzungen zu Gelesenem) öffnet er die Gesprächssituation in beide Richtungen.


 

Zur Ausgabe 'So stell ich mir das vor!'

Nutzen Sie die Ideen und Anregungen, um die Kinder im Musikunterricht zu besonderen Geschichten, Klangerlebnissen und Gesprächen anzuregen.


So stell ich mir das vor!"

Grundschule Musik Nr. 43/2007

 


Erfahrungen erster und zweiter Ordnung

Erfahrungen erster Ordnung

Wir erleben selbst etwas, z. B. einen kleinen Unfall oder dass wir nass werden, wenn es regnet. Je nach Alter bringen wir vielleicht sogar den folgenden Schnupfen mit dem Regen in Verbindung. Oder wir erleben das Gefühl, dass wir eine (das eigene Verhalten betreffende) Kritik erfahren, die uns bis in den Magen fährt. 

Auch eine Erfahrung erster Ordnung muss nicht zu einem inneren Erleben führen. Entscheiden ist, ob eine innere „Berührung“ bzw. ein sich-angesprochen-Fühlen geschieht.

Beispiel 1:

Finn besucht mit seiner Kitagruppe den Wald, um diesen zu erkunden. Er hat keine Lust dazu und würde lieber mit seinem Feuerwehrauto weiterspielen. Während andere Kinder Stöckchen, Blätter, kleine Tiere u. m. entdecken und genau betrachten, hält sich Finn etwas abseits und „bekommt von all dem kaum etwas mit“. Eine Erzieherin versucht, ihn zu motivieren, allerdings ohne Erfolg. – Wieder in der Kita reflektieren die einen anhand ihrer gesammelten Waldschätze ihren Ausflug, während Finn sich endlich seinem Feuerwehrauto widmen kann. – Für die einen ist die Erfahrung erster Ordnung mit einem aktiven und nachhaltigen Erleben verbunden, für Finn hat diese Erfahrung keine Bedeutung.

Erfahrungen zweiter Ordnung

Wir erleben etwas nicht selbst, sondern hören eine lebendig erzählte, gelesene oder gesehene, Geschichte über die Erlebnisse eines anderen. Weckt sie unser Mitgefühl, speichert es das Gehirn als eigene Erfahrung. Der einfache Grund ist, dass das Gefühl und die damit verbundene Fähigkeit, die Geschichte nachzuvollziehen, im Inneren wirklich erfahren wurde, auch wenn unser Körper nicht beteiligt war.

Auch eine Erfahrung zweiter Ordnung kann, muss aber nicht, zu einem inneren Erleben führen. Auch ist entscheidend, ob eine innere „Berührung“ bzw. ein sich-angesprochen-Fühlen geschieht.

Beispiel 2:

Es wird aus einem Buch vorgelesen. Es handelt von einem Kind, dass hinfällt und zum Arzt muss … Ein Kind unterbricht den Lesefluss immer wieder: „Hat sich das Kind doll verletzt? Braucht es nur ein Pflaster oder muss es einen richtigen Verband bekommen? Seine Mama hat sich bestimmt ordentlich erschreckt. (…) – Für ihn ist diese Erfahrung zweiter Ordnung mit einem aktiven und nachhaltigen Erleben verbunden; für ein anderes Kind hat diese (auditive) Erfahrung vielleicht keine Bedeutung.

Fazit

Auch „Erfahrungen zweiter Ordnung“, also innerlich Erlebtes, das durch Storytelling oder auch Vorlesen stattfindet, kann sich wie eine real erlebte Erfahrung nicht nur anfühlen, sondern auch im Gehirn festsetzen. Die Kinder lernen durch das Erzählen von Geschichten das geduldige Zuhören, sie werden für Inhalte sensibilisiert und können so leichter neue Inhalte und Informationen aufnehmen und verknüpfen. Vielleicht regt es sie sogar dazu an, Geschichten selbt spannend zu erzählen. Warum also nicht einmal einen Komponisten per Storytelling oder Fantasiereise – es gibt viele Formen des Storytellings – im Musikunterricht besuchen. Die Schülerinnen und Schüler profitieren in mehrfacher Hinsicht vom Storytelling. Wir können eine Kerze nur anzünden, wenn ein Docht vorhanden ist.


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