LeistungsentwicklungLeistungsbewertung im Musikunterricht

Eine Besonderheit im Fach Musik ist, dass die musikalischen Äußerungen der Schülerinnen und Schüler meist ausschließlich in der Gruppe stattfinden. Wie kann man dies bei der Festlegung einer individuellen Note berücksichtigen? Dieser Beitrag gibt Anregungen wie das musikalisch gestaltete Handeln der Kinder beobachtet und bewertet werden kann.

 Leitungsbeurteilung im Musikunterricht

Leistungsbeurteilung im Musikunterricht Bild: Friedrich Verlag unter Verwendung einer Illustration von Hendrik Kranenberg

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Die Festlegung einer Note muss nach Kriterien erfolgen, die dem Schüler oder der Schülerin bekannt, von ihm nachvollziehbar sind und auf einer verbalen Bewertung beruhen. Dies gilt auch für die prozessorientierte Bewertung, bei der die Lehrkraft die Schüler im Unterricht beobachtet. Die Vergabe von Noten nimmt im Musikunterricht innerhalb der Bewertungsformen eine untergeordnete Rolle ein. Zwischen drei und fünf Noten pro Schüler und Schulhalbjahr sind angemessen. Grundlage der Bewertung ist die Analyse von Lernprozess und Lernergebnis. Erforderlich sind unterschiedliche Anforderungen, die sich aus unterschiedlichen Entwicklungsständen ergeben.

Kriterien zu Leistungsbewertung im Fach Musik in der Grundschule

Der persönliche Lernfortschritt des Schülers muss in die Bewertung einbezogen werden. Der Erhaltung und Weiterentwicklung der Freude an Musik und musikalischer Betätigung wird in den Lehrplänen Priorität eingeräumt. Diesem Ziel müssen sich Bewertung und Notengebung im Musikunterricht unterordnen. Im Musikunterricht sind Leistungen mit Anstrengung und Übung, Konzentration und Willen verbunden. Dies soll für die Schüler deutlich und in individuellen Lernfortschritten nachvollziehbar sein. Ein Lernen ausschließlich für die Bewertung (oder die Note) soll daraus nicht entstehen. Dies hemmt die Entwicklung des schöpferischen und kreativen Potentials der Schüler. Es besteht die Gefahr, dass Leistungen dann einseitig auf „Publikumswirksamkeit“ ausgerichtet werden und nicht mehr auf die tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Gegenstand.

Unter Berücksichtigung aller Aspekte ist festzustellen, dass jeder Schüler im Musikunterricht zu befriedigenden Leistungen in der Lage ist. Dies heißt, dass mit „ausreichend“, „mangelhaft“ oder „unbefriedigend“ nur Leistungen bewertet werden können, bei denen der Schüler wissend seine Leistungsgrenzen nicht erreicht. Entscheidend ist nicht in erster Linie, ob der Bewertende die Bewertung für objektiv (angesichts welcher Kriterien auch immer) hält, sondern ob sie die o.g. Ziele erfüllt. Daher müssen die Lehrkraft und auch die Schüler diese Ziele kennen und bei der Bewertung berücksichtigen.

Welche Leistungen werden mit einbezogen?

Leistungen, die ausschließlich auf außerschulische Aktivitäten (z. B. Instrumentalunterricht an der Musikschule) zurückzuführen sind, führen nicht automatisch zu einer guten Bewertung und schließlich Benotung im Musikunterricht. Die Leistungsbewertung im Musikunterricht der Grundschule konzentriert sich auf das musikalisch gestaltende Handeln des Schülers oder der Schülergruppe. Teilleistungen mit eher kognitiver Ausrichtung sind Bestandteil dieser künstlerischen Leistungen. Schriftliche Kontrollen sind kaum geeignet, musikalische Leistungen hervorzubringen, welche dann zu bewerten wären. Klassenarbeiten sind kein Bestandteil der Leistungsermittlung im Musikunterricht.

Wie bewertet man Gruppenleistungen?

Eine Besonderheit der Musik liegt in ihrem sozialen Charakter. Musikalische Äußerungen finden fast ausnahmslos in der Gruppe statt. Dieser Spezifik muss sich die Bewertung stellen, indem in der Gruppe erbrachte Leistungen eine große Rolle spielen. Bewertet und benotet werden kann die Performance der Gruppe, wobei es um die Qualität der künstlerischen Auseinandersetzung geht und nicht um das (persönlichen Geschmacksfragen unterworfene) Ergebnis an sich. Die Bewertung des persönlichen Anteils des Einzelnen an der Gruppenleistung kann möglich sein. Einzelleistungen sind eher die Ausnahme und entziehen sich jeder Normierung. Sie sinnvoll zu benoten ist kaum möglich.


 

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Wer bewertet?

Es ist möglich, die Beurteilung und auch die Bewertung in die Hände der Schüler zu übergeben. Denn es ist nirgends festgelegt, dass die Benotung durch den Lehrer erfolgen muss. Beispielsweise heißt es in der Sächsischen Grundschulordnung, dass „die Ermittlung, Beurteilung und die daraus folgende Bewertung von Leistungen in der pädagogischen Verantwortung des Lehrers“ liegen. Auch, um ein weiteres Beispiel zu nennen, die rheinland-pfälzische Grundschulordnung schreibt vor: „Leistungsfeststellung und Leistungsbeurteilung erfolgen gemäß § 25 Abs. 1 SchulG in pädagogischer Verantwortung der Lehrkräfte.“ Dies bedeutet natürlich, dass es sich um einen vom Lehrer zu führenden und zu gestaltenden Prozess handelt. In diesem Prozess spielen aber eben neben ihm selbst auch die Schüler als sich selbst und andere bewertende Personen eine wichtige Rolle.

Psychologische Faktoren

Im Musikunterricht werden individuelle und Gruppenleistungen erbracht – wie gehe ich damit um? Die Entwicklung der der Fähigkeit zu einer realistischen Einschätzung einer eigenen Leistung zu kommen und andere konstruktiv zu kritisieren, ist nicht nur im Musikunterricht ein wichtiges Ziel. Hier ist die Fähigkeit jedoch besonders hoch einzuschätzen, da die emotionale Beteiligung an der Leistungserbringung sich von manch anderen Schulfach stark unterscheiden kann. Es ist eben etwas anderes, eine schriftliche Leistungskontrolle zu erledigen, als sich vor den Klasse zu stellen und zu singen, zu musizieren oder zu tanzen unter Einbringung der eigenen Persönlichkeiten. eine unkorrigierte Fehleinschätzung der eigenen Leistung kann ebenso wie ein unsachliches Feedback tiefe Verletzungen nach sich ziehen,

Neue Formen der Bewertung erproben: Die Schüler einbeziehen

Neben die traditionelle Bewertung durch den Lehrer tritt zunehmend die Bewertung durch sich selbst oder durch eine Gruppe – so, wie das im „wirklichen“ Leben auch stattfindet.Überlegungen zur Entwicklung der Selbstständigkeit in Bezug auf die Erbringung künstlerischer Leistungen und der Gedanke, dass gestalterisches Tätigsein nur bei Gegenständen möglich ist, die man für sich ganz annimmt, führen zu folgendem Schluss: Innerhalb der ergebnisorientierten Leistungsbewertung sollen Schüler weitestgehend selbst den Gegenstand (Lied, Musikstück, Tanz usw.) bestimmen, an dem sie Leistungen für die Bewertung und Notengebung erbringen.

Mit aussagekräftigen Bewertungskriterien versehen sind Schüler in der Lage, ihre und die Leistungen anderer sachgerecht zu bewerten. Hierbei zeigen sie soziale Kompetenz (z. B. Berücksichtigung individueller Leistungsvoraussetzungen) und eine starke Hinwendung zum Leistungsgedanken (z. B. Berücksichtigung der Tatsache, dass Leistungsvoraussetzungen nicht voll ausgeschöpft werden). Wenn bereits ab dem ersten Schuljahr die gegenseitige Bewertung von zunächst einfachen Leistungen praktiziert wird, kann in Klasse 4 auch die Bewertung komplexer Leistungen in die Hand der Schülerinnen und Schüler gelegt werden.

Bewertungssituationen: Möglichkeiten nutzen oder schaffen

Es sind verschiedene prozessorientierte (Beobachtung durch den Lehrer im Arbeitsprozess) und ergebnisorientierte (Aufführung) Situationen der Leistungsdarstellung zu schaffen. Dabei ist jeweils zu planen, wer der Einschätzende sein wird (Schüler selbst, anderer Schüler, Schülergruppe, Lehrer) und ob es sich abschließend um eine rein verbale Bewertung oder auch die Vergabe einer Note handelt. Die einmal zugewiesene Rolle soll innerhalb einer Beurteilungssituation nicht gewechselt werden. Wenn der Beurteilende ein Schüler ist, und die Lehrerin oder andere Schüler haben eine andere Meinung, dürfen sie diese natürlich äußern. In einer solchen Situation wird dem Schüler seine besondere Verantwortung bewusst und er nutzt – möglicherweise – die Hinweise zur Korrektur seiner Bewertung.

Nimmt er diese Korrektur nicht vor, so soll seine Bewertung akzeptiert werden. (Wenn die Schüler wahrnehmen, dass ihre Bewertung ohnehin vom Lehrer korrigiert wird, werden sie diese Form der Schülerbeteiligung bald nicht mehr ernst nehmen.) Eine Möglichkeit kann auch sein, dem Lehrer ein Veto-Recht zukommen zu lassen, für den Fall, dass er eine nicht sachgerechte Bewertung wahrnimmt. Mit diesem Veto soll sparsam umgegangen werden. Bei der Schaffung von Bewertungssituationen gehen viele Musiklehrerinnen und Musiklehrer neue Wege: Der Liedvortrag ist die durch vielfältige weitere Angebote zu erweiternde einfachste Variante. 

Wie komme ich zu einer angemessenen Leistungsbeurteilung in den einzelnen Bereichen?

Vorbereitung zu Beginn des Schuljahres

Was werdet ihr lernen und wie zeigt ihr, was ihr gelernt habt? Die Schüler erhalten folgende Informationen:

  • Pro Schulhalbjahr sind drei Leistungen selbstständig von ihnen zu erbringen (die in Sachsen in Klasse 3 und 4 mit Noten benotet werden). 
  • Diese Leistungen können allein oder in Gruppen erbracht werden. In der Gruppe soll die Leistung des Einzelnen nicht „untergehen“. Ergebnis ist eine Präsentation, die möglichst mehrere Umgänge beinhalten soll (z. B. Lied singen und auf Orff-Instrumenten begleiten; Zwischenspiele in einem Lied tänzerisch gestalten; zu einem Musikstück tanzen und musizieren – gleichzeitig oder nacheinander usw.) 
  • Den Einzelnen betreffend, sollen diese Leistungen im Laufe des Jahres möglichst aus verschiedenen Bereichen stammen (z. B. Singen, Musizieren, Tanzen). 
  • Voraussetzung für das Gestalten der Präsentation ist das „Beherrschen“ des jeweiligen Gegenstandes (Melodie, Text, Choreographie, Ablauf usw.).
  • Bewertet wird die Präsentation unter verschiedenen Gesichtspunkten, die jeweils vorab gemeinsam besprochen werden.

Unmittelbare Vorbereitung vor der Darbietung

Nach Abschluss der Bearbeitung eines bestimmten Gegenstandes (Lied, Tanz, Musikstück, Gestaltungsaufgabe) wird der Zeitraum bekannt gegeben, in dem man sich für die Leistungskontrolle melden kann (in der Regel die folgenden zwei Wochen). Schülerinnen und Schüler, die diese Möglichkeit in Anspruch nehmen wollen, finden sich in Gruppen zusammen. Diese bereiten sich gemeinsam auf die Leistungskontrolle vor:

  • In Pausen, großen Pausen oder der Hortzeit können sie den Musikraum, seine Ausstattung und den dort ggf. bereitgestellten Tonträger nutzen.
  • Für das selbstständige Üben zu Hause, im Hort oder im Klassenraum können die Kinder sich den Tonträger und ggf. einige Orff-Instrumente ausleihen.
  • Im Unterricht gibt es Proben und Generalproben, in denen die Gruppen noch einmal gleichzeitig üben können, während die übrigen Kinder beobachten und zuhören und den Gruppen Tipps zur Verbesserung geben.

Gemeinsam Kriterien festlegen

Es werden gemeinsam Kriterien festgelegt, die die anschließende Einschätzung der Leistung bestimmen sollen. Manche dieser Kriterien werden regelmäßig vorkommen, z. B.

  • Publikumswirksamkeit (Wie kam die Präsentation beim Publikum an?)
  • Gestaltung (War die Gestaltung – Einsatz von Solisten, Instrumenten, Gestaltungsmitteln usw. – dem Lied / Stück angemessen?)
  • Waren alle Mitglieder der Gruppe ihren Stärken gemäß eingesetzt? 

Andere Kriterien werden individuell aufgestellt und beziehen sich direkter auf die Aufgabenstellung, z. B.

  • Passten neu erdachte Elemente der Choreografie zu den entsprechenden Abschnitten der Musik?
  • Wurden die drei Wiederholungen des Stabspielsatzes unterschiedlich gestaltet, um Monotonie zu vermeiden (z. B. durch Dynamik, Tempo, Orffinstrumente)?
  • Wurden die erarbeiteten und geübten Atembögen im Lied eingehalten?
  • Wurde der Einzelne gefordert, oder konnte er sich auf vorhandenem Können ausruhen?

Gestaltung der Durchführung

Die Gruppe entscheidet über die Raumsituation (wo im Musikraum tritt sie auf; wo befindet sich das Publikum, z. B. Halbkreis, Reihen). Sie legt ggf. eine Begleitung fest (Lehrerbegleitung, Playback, ohne Begleitung). Das Ganze wird wie ein „echter“ Auftritt gestaltet. Alle Beteiligten, auch wenn sie in einzelnen Abschnitten möglicherweise nicht aktiv sind, sind immer sichtbarer Bestandteil der Performance und sollten nicht abwesend wirken. Mitgebrachte Requisiten oder abgesprochene Kleidung heben durchaus den Anschauungswert. Am Ende applaudiert das Publikum. 

Gestaltungsrahmen der Bewertung

Die Bewertung erfolgt im Normalfall durch Wortmeldungen aus dem Publikum. Die Sitzordnung im Kreis oder Halbkreis fördert eine positive Atmosphäre. Vier Grundbedingungen sind einzuhalten:

  • Die erste Wortmeldung beginnt mit einer zusammenfassenden positiven Einschätzung der Leistung.
  • Was bereits gesagt wurde, muss nicht wiederholt werden (ggf. Rücknahme der Wortmeldung).
  • Bewertet wird die Leistung, nicht die Person. Das ist allerdings nicht für alle Schüler selbstverständlich und muss geübt werden. 
  • Die Einschätzung erfolgt rein verbal. Es wird nichts Gesehenes oder Gehörtes nachgeahmt und es werden auch keine Zensuren erteilt.

In besonders redefreudigen Klassen empfiehlt es sich zudem, die Anzahl der Auswertungsbeiträge je Präsentation einzuschränken. Grundlage aller Wortmeldungen sollen die zuvor aufgestellten (sichtbar für alle festgehaltenen) Kriterien sein. Der Lehrer kann anhand der Beiträge der Schüler eigene Beobachtungen relativieren und ergänzen sowie Gewichtungen zwischen den Teilaspekten überdenken.

Eine schlussendlich durch den Lehrer (als dem anerkannten Experten) ausgesprochene zusammenfassende Bewertung bzw. Zensur wird nun niemanden mehr überraschen. Die vorhergehende Einschätzung durch die Mitschüler jedoch lässt die ausgesprochene Kritik besser annehmen: Sie ist auf dem Niveau von gleich zu gleich formuliert.

Weiterführende und vertiefende Inhalte

Dieser Beitrag ist dem Workshopheft Nr. 12 Selbsteinschätzung, Feedback und Beurteilung aus Grundschule Musik Nr. 78 entnommen. Das Heft enthält vertiefende und praktische Inhalte, wie man im Musikunterricht den Aspekt der Selbsteinschätzung und des guten Feedback kultivieren kann. Es enthält Arbeitsbögen mithilfe der die Schüler ihre Selbsteinschätzung stärken können. Es werden zu vielen musikalischen Kompetenzbereichen für unterschiedliche Gruppengrößen konkrete Bewertungsprozesse gezeigt – inklusive Selbsteinschätzung, Feedback und Beurteilung.

Workshopheft Nr. 12: "Selbsteinschätzung, Feedback und Beurteilung"

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