Inklusiver MusikunterrichtWie man den Schulalltag vielfältig mit Musik gestalten kann

Musikunterricht ausgehend von den Potenzialen der Kinder zu planen und durchzuführen, bedeutet, ihn besonders reflektiert zu gestalten. Es geht darum, zu sehen, was jedes Kind kann und welche Möglichkeiten es gibt, in der heterogenen Gruppe zu differenzieren. Dabei und besonders im inklusiven Musikunterricht bieten z.B. die „Lupen-Aspekte“ Orientierung. Wie man diese als Reflexionsimpulse einsetzen kann, zeigen diese Beispiele für die Unterrichtspraxis.

Inklusiver Musikunterricht

Inklusiver Musikunterricht © Halfpoint/stock.adobe.com

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Mit anderen in Aktion treten, sich selbst erleben und sich musikalisch ausdrücken: Musikunterricht eröffnet zahlreiche Möglichkeiten, wie sich Lernende vor allem mit unterschiedlichen Voraussetzungen begegnen und Musik erfahren können. Singen und Musizieren, mit Klängen experimentieren oder Musik in Bewegung, Bild, Text und mehr umsetzen – ein breites Spektrum an musikalischen Aktivitäten ist Basis eines vielfältigen Musikunterrichts, der auf die Vielfalt an Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler reagiert.

Über den Musikunterricht hinaus lässt sich jeder Schultag mit musikalischen Elementen bereichern, die Wahrnehmung, Ausdruck, Interaktion sowie Kommunikation und Konzentration fördern – in jeder Schule und in jeder Klasse, in inklusiven Kontexten ebenso wie in einem nicht explizit als inklusiv bezeichneten Rahmen.

Vielfalt als Rahmenbedingung von inklusivem Musikunterricht

Wie sich Vielfalt als Rahmenbedingung mit dem Ziel verbinden lässt, Kindern vielfältige musikbezogene Erfahrungen zu ermöglichen, verdeutlicht die Unterrichtsidee zu „Gute Laune für dich und mich“.

Beispiel 1: Begrüßung

Begrüßung und Warm-Up: „Gute Laune für dich und mich“

Gemeinsames rhythmisches Sprechen, Bodypercussion, Bewegungen und so manche erheiternde Aktivität sorgen im Sprechstück „Gute Laune für dich und mich“ nicht nur für gute Laune, sondern fördern auch rhythmische, sprachliche und motorische Fähigkeiten sowie Konzentration und Aufmerksamkeit. Sowohl im Musikunterricht als auch zur Begrüßung im Morgenkreis oder im Laufe des Schulvormittags zwischendurch macht es munter und bietet Gelegenheit zur Interaktion. Dabei eröffnet es besonderes Potenzial, sich selbst und die Gruppe zu erleben.

Anregungen für den Unterricht

  • Sozialform: Klassenunterricht
  • Instrumente: Klanghölzer (zum Ausführen des Grundschlags)

Der Refrain dieses Sprechstücks wird mit Bodypercussion begleitet. Die Abfolge der Klanggesten lässt sich gut merken: In den Pausen wird geklatscht, in Takt 3 und 4 „wandert“ das Patschen auf den Zählzeiten 1 bis 3 am Körper von unten nach oben. Ein kontinuierlich hörbarer Grundschlag unterstützt das rhythmische Sprechen.

Die Strophen fordern zum Mit- bzw. Nachmachen der jeweils im Text genannten Aktivität auf: Bodypercussion, Bewegungen, Gesten oder auch eine Interaktion mit einem anderen Kind. Für Schwung sorgen weitere Strophen mit witzigen Aktivitäten, welche die Kinder selbst erfinden.

Varianten – auch zur Differenzierung – entstehen beispielsweise, wenn die Bodypercussion-Begleitung zum Refrain verändert wird, wenn Klanggesten durch Rhythmusinstrumente ersetzt werden und wenn die Kinder zwischen Sprache und Bodypercussion wählen oder sich mit beiden Elementen beteiligen können.

 


 

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  • Was bedeutet inklusiver Musikunterricht?
  • Welche Reflexionsimpulse helfen bei der Planung und Gestaltung?
  • Wie lassen sich "Lupen-Aspekte" als Reflexionsimpulse einsetzen?
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Musikunterricht eröffnet zahlreiche Möglichkeiten, wie Kinder mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen sich einbringen, mit anderen in Interaktion treten, sich selbst erleben und sich musikalisch ausdrücken können.


Musik erleben – Vielfalt gestalten – Inklusion ermöglichen

Anregungen für den Musikunterricht und den Grundschulalltag

 


Individuelle Perspektiven von Lernenden einbinden

Jede Unterrichtssituation ist ein Zusammenspiel aus verschiedenen Variablen: Unterrichtsinhalte – vom Bewegungslied über den Ausschnitt aus einem Musical oder einer Instrumentalkomposition bis hin zur Familie der Holzblasinstrumente – wirken wechselseitig zusammen mit methodischen Herangehensweisen, Sozialformen und Medien. Das kommt beim Üben einer Liedmelodie im Wechsel zwischen Lehrerin und Klasse im Call-and-Response-Prinzip ebenso zum Ausdruck wie beim Erfinden von Musik mit Instrumenten und Alltagsgegenständen in Kleingruppen. Lehrende und Lernende treten dabei in Interaktion und beteiligen sich mit ihren persönlichen Möglichkeiten und Potenzialen ein. An verschiedenen Stellen zeigen sich auch Herausforderungen und Grenzen. Welche Perspektiven hierbei von Lernenden eingebracht werden und wie unterschiedlich diese Voraussetzungen akzentuiert sein können, zeigen diese Beispiele:

  • Ich bin gerne schnell und vorne dran.

Ich möchte am liebsten gleich wissen, wie sich die Sachen anhören – also Instrumente, Gegenstände, eigentlich alles, was es um mich herum so gibt. Darum probiere ich auch immer gleich aus, wie etwas klingt.

  • Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren.

Um mich herum sind so viele Geräusche und ich weiß nicht, welche wichtig sind. Gleich die neben mir von meinem Nachbarn oder die anderen, die von draußen hereinkommen?

  • Ich habe Schwierigkeiten, Sprache zu verstehen.

Wenn jemand etwas spricht, erkenne ich nur einzelne Wörter. Die setze ich wie ein Puzzle zusammen, sodass sie für mich einen Sinn ergeben. Irgendetwas wird schon dabei herauskommen.

  • Es tut mir gut, die Aufmerksamkeit anderer zu bekommen.

Wenn ich mich nur ein bisschen bemerkbar mache, wird das ignoriert. Das mag ich nicht. Deshalb probiere ich mehr aus und werde lauter. Ich bin da, hört ihr das nicht?

In der Grundschule kommen Kinder mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen und Vorerfahrungen zusammen. Die einen lernen ein Instrument spielen oder singen in einem Chor. Dazu kommen  Mitschülerinnen und Mitschüler, die außerhalb der Schule musikalisch wenig oder überhaupt nicht gefördert werden. Einige verfügen über sehr gut entwickelte rhythmische Fähigkeiten, anderenfällt das Ausführen von Rhythmen schwer. Manche beschäftigen sich ausgiebig und andere wenig mit Musik im Kontext digitaler Medien, etwa beim Umgang mit speziell für Kinder entwickelter Software zum Hören oder zum Erfinden von Musik. In Verbindung mit sportlichen Aktivitäten von Ballett bis Hiphop hören manche Kinder viel Musik, andere widmen sich Freizeitbeschäftigungen, bei denen Musik keine Rolle spielt. Folgende Fragen regen dazu an, als Lehrkraft Potenziale und Herausforderungen in den Blick zu nehmen:

  1. Wie kann das Mädchen, das gern schnell und vorne dran ist, unterstützt werden, damit es in Phasen des gemeinsamen Experimentierens und Improvisierens die vereinbarten Regeln einhält und auch mal anderen Kindern den Vortritt lässt?
  2. Welche Impulse helfen dem Jungen mit Konzentrationsschwierigkeiten, sich in einem mehrstimmigen Musiziersatz auf seine eigene Stabspiel-Stimme zu konzentrieren?
  3. Welche Rolle spielt Sprache im Musikunterricht und wie können fachliche Inhalte und Ziele mit Aspekten der Sprachförderung verbunden werden?
  4. Welche Maßnahmen sind förderlich, um die Schülerin mit einem hohen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit dazu zu bewegen, in einer Phase des konzentrierten Zuhörens nicht zu stören?

Vielfalt als Ziel sehen und „Lupen-Aspekte“ als Reflexionsimpulse einsetzen

Die Übernahme der Perspektive einzelner Lernender und das Durchdenken von Unterrichtssituationen aus deren Sicht unterstützt Lehrerinnen und Lehrer, (Musik-)Unterricht differenziert so zu gestalten, dass er allen Kindern einer Klasse Spiel- und Erfahrungs-Räume zur individuellen Weiterentwicklung bietet. Auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Lernenden im Unterrichts zu reagieren, heißt auch, Vielfalt als Ziel zu sehen: Ziel ist ein Unterricht, der mit einem breiten Spektrum an Inhalten methodisch vielfältig gestaltet ist.

Ein genauer Blick aufmögliche Unterrichtsinhalte eröffnet derenPotenzial. Um dieses insbesondere vor dem Hintergrund der durch Heterogenität gekennzeichnete Lernsituation zu erschließen und „unter die Lupe zu nehmen“, bieten Erfahrungs- und Entwicklungsfelder als Reflexionsimpulse  Anhaltspunkte: So kann beispielsweise gefragt werden, in welcher Hinsicht verschiedene Unterrichtsinhalte Selbsterleben und Gruppenerleben sowie Selbstausdruck und Gruppenausdruck ermöglichen und Konzentration und Aufmerksamkeit fördern. Die jeweils zentralen Erfahrungs- und Entwicklungsfelder werden „Lupen-Aspekte“ zum genauen Hinschauen in den folgenden Beispielen aufgezeigt.

Vielfalt an Perspektiven der Lernenden einzubeziehen: Praxisbeispiele und Reflexionsimpulse

Beispiel 2: Mit Alltagsgegenständen experimentieren

Kling – Klang – Klirr: Materialmusik

  • Sozialformen: Klassenunterricht; Gruppenarbeit
  • Materialien: Alltagsgegenstände; evtl. große Stoppuhr

Eine Sammlung an Alltagsgegenständen, zu der jedes Kind mindestens zwei Gegenstände beiträgt, lädt zum Ausprobieren und Experimentieren ein. Alternativ zum Erproben des klanglichen Potenzials in der gesamten Gruppe bzw. Klasse experimentieren die Kinder mit Möglichkeiten der Geräuscherzeugung in kleinen Gruppen. Mehrere Runden mit jeweils unterschiedlichen Aufgabenstellungen fordern zum genauen Hinhören auf: Wer findet einen langen, kurzen, zarten, kräftigen, hellen oder dumpfen Klang? Im Plenum werden die erprobten Geräusche und Spielweisen vorgestellt.

Das Kategorisieren der Gegenstände nach Klangeigenschaften kann für Kinder mit Förderbedarf im Förderschwerpunkt Hören eine Hilfestellung sein, da sie evtl. nicht alle Geräusche hören oder diese anders wahrnehmen als gut hörende Mitschülerinnen und -schüler.

In einer anschließenden Phase in der großen Gruppe wirkt jedes Kind mit seinem „Lieblingsklang“ mit; auch hier gilt es, in mehreren Runden verschiedene Aufgaben umzusetzen:

  • Im Wechsel und zusammen: Ein Dirigent bzw. eine Dirigentin zeigt an, wer spielt und wer pausiert. Zunächst spielen einzelne Kinder nacheinander in einer zuvor nicht vereinbarten Reihenfolge, dann mehrere zusammen mit Einsätzen und Pausen zu unterschiedlichen Zeitpunkten.
  • Minutenmusik: Innerhalb einer Minute spielt jeder genau zweimal seinen Klang bzw. sein Geräusch. Den Ablauf der Minute zeigt eine für alle sichtbare große Stoppuhr oder die Lehrperson beschreibt mit einem Arm vor dem Körper den Weg eines Sekundenzeigers innerhalb einer Minute.
  • Immer nur einer!: Nach einem Startzeichen bringt jeder seinen Klang bzw. sein Geräusch genau zweimal in eine gemeinsame Musik ein. Dabei gilt es zu beachten, dass ohne vorheriges Festlegen einer Reihenfolge nie zwei Personen gleichzeitig spielen.

Lupen-Aspekte: Selbstausdruck (z. B. beim Experimentieren mit verschiedenen Klangerzeugern), Gruppenerleben (z. B. im Rahmen der musikalischen Interaktion), Konzentration und Aufmerksamkeit (z. B. beim Reagieren auf visuelle und akustische Impulse)

 

Beispiel 3: Die auditive Wahrnehmung fördern

Wundertüte für die Ohren

  • Sozialform: Klassenunterricht
  • Materialien: keine

Die Hälfte der Kinder sitzt mit geschlossenen Augen in einem Stuhlkreis, die andere Hälfte steht hinter ihnen. Die Lehrperson steht ebenfalls im Außenkreis und beginnt, ein Geräusch zu erzeugen, z. B. Hände reiben, schnipsen, stampfen, klatschen. Auch Stimmgeräusche und gesungene Töne sind denkbar. Alle anderen Personen im Außenkreis imitieren dieses Geräusch und achten dabei darauf, dass sie dies nicht zu nah an die Ohren der Kinder im Innenkreis tun.

Nach kurzer Zeit macht eine andere (von der Lehrperson durch Zeigen bestimmte) Person im Außenkreis ein neues Geräusch vor, das wiederum von den anderen übernommen wird. Mit weiteren Wechseln der vormachenden Person werden noch einige andere Geräusche ausgeführt.

Nach einer Reflexion über die Hörerfahrungen der Kinder im Innenkreis über den Inhalt ihrer „klanglichen Wundertüte“ und dem Gespräch über individuelle Höreindrücke erfolgt ein Rollentausch zwischen den Kindern im Innen- und Außenkreis.

Variante

Alternativ zu Körper- und Stimmgeräuschen können auch Instrumente und Alltagsgegenstände als Klangerzeuger zum Einsatz kommen. Wichtig ist dabei, auf eine Lautstärke zu achten, die allen Beteiligten gut zumutbar ist.

 

Lupen-Aspekte: Selbsterleben (z. B. bei der Wahrnehmung der sich kontinuierlich verändernden Geräuschkulisse), Gruppenerleben (z. B. im Rahmen der Interaktion in verschiedenen Rollen beim Erzeugen von Geräuschen), Konzentration und Aufmerksamkeit (z. B. beim Reagieren auf Geräusch und nonverbale Impulse)

 

Zum Weiterlesen

Lutz, Julia (2020). Musik erleben – Vielfalt gestalten – Inklusion ermöglichen. Anregungen für den Musikunterricht und den Grundschulalltag. Hannover: Kallmeyer in Verbindung mit Klett.

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