Zusammenhänge zwischen Musik und SpracheMusik und Sprache

Hier geht es nicht um die Frage, wie Musik als kleiner Helfer die sprachliche Entwicklung von Kindern fördern könnte, sondern darum, dass Musik neben Sprache und anderen Ausdrucksformen gleichberechtigtes Mitglied in der Familie der Kommunikation ist. Sprachliche Kompetenzen schulen wir ganz selbstverständlich und bewusst. Musik und das Umfeld prägen das Kind oft nur über einen emotionalen Zugang und bleiben unbewusst. Wenn Wörter zu Worten werden sollen, brauchen wir mehr – von Anfang an.

Musik und Sprache

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„Wenn ich viele Wörter kenne und gut sprechen kann, dann versteht mich jeder – im Kopf. Und wenn ich dann noch meine Gefühle erkläre, dann weiß auch jeder, was ich wirklich meine.“ – So hat es vor Jahren mal eine Neujährige ausgedrückt, als ich sie fragte, was Sprache für sie bedeutet.

Dass Sprache in gesprochener wie in schriftlicher Form eine elementare Bedeutung für die kognitive, soziale und emotionale Entwicklung der Kinder hat, steht deutlich in den Bildungsstandards, ebenso, dass sprachliche Bildung – ganz logisch – die Basis für alle anderen Fachbereiche und Lebenssituationen ist. Zu den Kompetenzerwartungen im Bereich Sprechen und Zuhören gehört, über den Erwerb des Wortschatzes und einiger anderer sprachlicher und sprecherischer Mittel hinaus, eine gute Artikulation und Intonation.

Auf die Frage, wie er wichtige Wörter erkennt, um diese zu betonen, antwortete ein achtjähriger Junge: „Ich höre genau zu. Wenn ich die Wörter so betone wie meine Lehrerin, dann bekomme ich eine gute Beurteilung.“ Ob er die Bedeutung aller Wörter denn verstehe, kommentierte er so: „Manche ja, manche nein, aber das ist glaube ich nicht so wichtig.“

Natürlich wäre in diesem Fall nicht nur die phonologische Bewusstheit wichtig, sondern ein Bewusstsein darüber, was dieses oder jenes Wort bedeutet – für mich und für andere. Denn erst dann kann ich den Dingen mit meiner Sprache die Bedeutung geben, die ich für wichtig halte. Verständnis ist Grundvoraussetzung für zwischenmenschlichen Austausch.

Ein vielfältiger Wortschatz ist wichtig, aber…

Er reicht bei Weitem nicht aus, um eine wirkungsvolle Kommunikation, Rede oder Präsentation zu führen. Die Begegnung und das Erfahrungslernen mit vielen Parametern, die wir beim Kommunizieren anwenden können, berücksichtigen wir in Erziehung und Bildung relativ wenig und bleiben oft in frühkindlichen Mustern stecken. Wir hören zwar im Kindergartenalter, dass wir unsere Probleme im Gespräch lösen sollen, und in der Grundschule, wie wir am besten einen Text schreiben und ihn in einer Präsentation mit Bildern wirkungsvoll rüberbringen. Später gibt man jungen Menschen den Rat, „deutlicher zu sprechen“ oder auch „lauter, leiser oder klarer“, „die Hände nicht vor den Mund zu halten“ und „mehr aus sich raus zu kommen“. Nur wie das alles funktionieren soll, damit es die gewünschte Wirkung hat, behandeln wir eher stiefmütterlich. Zurück bleibt oft nur eine emotionale Wirkung, ein unbehagliches Gefühl, das ohne Handlungsstrategien das „Selbst-Unbewusstsein“ schwächt.

Wie Wörter zu Worten werden

Wir transportieren die Bedeutung eines Wortes mithilfe von für uns passenden Tönen. Wir verleihen diesem Wort einen Rhythmus und geben ihm eine bestimmte Lautstärke oder verschiedene Abstufungen derselben Dynamik und, je reicher unsere Kommunikationsmittel sind, weitere Ausdrucksmittel wie breit (largo), gebunden (legato), kurz (staccato), sehr ernst (molto grave) u. v. m. Wir wählen eine Tonhöhe und eine Tonfolge, die zu einem Motiv (einem ausdrucksstarken Teil einer Melodie, hier in einem sprachlichen Zusammenhang) werden – einem Muster, das in ähnlichen Situationen immer wiederkehrt und das wir vollkommen oder tendenziell als Muster der Personen in unserem Umfeld übernommen haben. Muster werden mit der persönlichen Klangfarbe des Sprechenden emotional im Gehirn des Hörenden gespeichert. Dort entsteht zusammen mit der individuellen Erfahrung und nach beliebig vielen Wiederholungen, die bestenfalls Wirkung gezeigt haben, eine eigene Variante. Die Prosodie, also altgr. pros (hinzu) od- (singen), liefert z. B. mit Intonation, Satzmelodie, Tempo, Rhythmus, Pausen, Akzentsetzung und mehr einen Ansatz.

Es ist also wichtig, Kinder mit möglichst vielfältigen sprachlichen bis hin zu musikalischen und nonverbalen Mitteln vertraut zu machen. Dies kann auch helfen, unsere Erfahrungen und Emotionen reflektieren zu lernen. Haben wir von Anfang an gelernt, Muster, Spiegelungen und Willensentscheidungen zu erkennen und zu unterscheiden, können wir uns später Frust und Antikämpfe ersparen, weil wir selbst nicht so recht wissen, wer wir sind und was zu uns gehört.

Wie hängen Musik, Sprache und weiterer Ausdruck zusammen?

Es beginnt schon weit vor dem ersten Tag der Geburt. Im fünften Schwangerschaftsmonat ist das Gehör bereits ausgebildet und beginnt, die Stimme und die damit verbundenen Stimmungen der Mutter zu unterscheiden. Es hört den Rhythmus ihres Herzens, das Rauschen ihres Blutkreislaufs und vieles mehr. Ob wir wollen oder nicht: Schon jetzt und unser ganzes Leben lang sind wir den Einflüssen unserer direkten Bezugspersonen und aller für uns wichtigen Personen in unserem Leben ausgesetzt.

In den ersten Jahren speichern wir eine Vielzahl an Verhaltensweisen, Wörtern, Tönen, Gesten, die zunächst als eigene oder auch fremde Erfahrung in unserem Kopf bleiben, vor allem, wenn wir ihnen einen emotionalen Wert geben. Kinder und übrigens auch Erwachsene imitieren alles, was sie für nützlich oder erstrebenswert halten, testen immer wieder, ob ihnen das Ergebnis gefällt und entwickeln im Laufe der Zeit eine Art Baukasten funktionierender Handlungsstrategien.

Ein Beispiel? Tim, sechs Jahre alt, beobachtet interessiert, wie ein Mann an der Brottheke beim Bäcker aus einem hinteren Raum kommt und der freundlichen Verkäuferin mit harter Stimme, sagt, sie solle die Brötchen aus dem Ofen holen. Den Ton kennt Tim, wenn Mama zu Papa sagt: „Kannst du bitte (endlich mal) deinen Teller in die Spülmaschine stellen!?“ Tim probiert das Verhalten selbst aus und weist mit Nachdruck auf ein Spielzeug hin, das er unbedingt haben möchte. Dabei muss er gar nicht quengeln, denn er hat die Wirkung der (Sprach-)Melodie und des (Sprach-)Rhythmus‘ seiner Vorbilder durch Zuhören und Beobachten erfahren.

Probieren Sie es einmal aus und sprechen Sie den folgenden Satz zunächst aus dem Bauch heraus und ergänzen ihn: „Ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass …!“ – Spielen Sie jetzt mit ihm und sprechen ihn leise, laut, mit starker Betonung, mit verschiedenen Melodieverläufen. Wie wirkt der Satz wann? Und klingt er vielleicht so, wie von einer Person, die in Ihrem Leben eine große Rolle spielt?

Musik, Klang und Geräusch ist die Sprache vor der Sprache und hält jede Menge Mittel bereit, mit denen wir unsere eigenen und fremde Emotionen subjektiv, nur für uns ganz persönlich, verstehen lernen können. Schon, wenn Sie als Erwachsener und ausgeprägte Persönlichkeit diesen Beitrag über „Musik und Sprache“ gelesen haben und auf sich wirken ließen, stellen Sie fest, dass Sie möglicherweise weniger über sich selbst und Ihre persönliche Wirkung nach außen (bewusst) wussten als Sie dachten. Und wir können nun einmal auch an unsere Kinder nur weitergeben, was wir uns selbst bewusst machen können, wenn wir über die reine Vermittlung von Fakten – gerade im Spiegel der allseits geltenden Kompetenzorientierungen – hinaussehen wollen. Sprache, Musik und weitere Ausdrucksmittel sind Basis jeglicher Kommunikation und somit auch des eigenen Lebens.  All dies ist in ihren Einzelteilen wertlos, sofern sie nicht eine Bedeutung, nein, unsere Bedeutung, erhalten, mit der wir uns verständigen können und mit der wir uns erklären und persönlich ausdrücken können.

Die bewusste Beschäftigung mit Musik, aber auch Kunst, Tanz, Theater usw., kann zweifelsfrei eine große Hilfe bei der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Ausdrucks und beim Verstehen alltäglicher Zusammenhänge sein, sofern sie sich nicht nur auf einen vorgefertigten Ausdruck beschränkt. Es dürfte einleuchten, dass es nicht nur wichtig, sondern lebensnotwendig ist, Kinder mit möglichst vielfältigen sprachlichen, musikalischen und nonverbalen Mitteln bewusst vertraut zu machen, damit sie die emotionalen Wirkungen und Auswirkungen von eigenen und beobachteten Erfahrungen verstehen können.

Ein schönes und nützliches Ziel für den Musikunterricht, oder?

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