Aktives MusikhörenZeit zum Musikhören

Leo und Amira waren wieder einmal bei Leos Großeltern. Und wie bei fast jedem ihrer Besuche, steigen sie auf den Speicher des alten Hauses, damit sie in den verstaubten Sachen stöbern können. Hier gibt es viele spannende alte Dinge. Aber was für ein Papier lugt das aus dem alten Buch heraus und was bedeuten diese seltsamen Zeichen? Leo und Amiras Abenteuer entführt die Schülerinnen und Schüler in die Geschichte einer Melodie aus der Renaissance.

Musikhören zum Thema Renaissance

Musikhören zum Thema Renaissance Illustration: Hendrik Krankenberg

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 „Kommt, ihr G’spielen“ ist ein traditionelles Sommerlied. Bevor seiner Melodie die heute bekannte Form gegeben wurde, hatte sie bereits eine hundertjährige „Reise“ und einige Verwandlungen hinter sich, welche die Kinder beim Musikhören entdecken.

Die Reise der in Deutschland unter dem Titel „Kommt, ihr G’spielen“ bekannten Melodie führt von England über die Niederlande nach Deutschland. Unterwegs änderten sich mehrmals die Taktart des Stückes sowie die zweite Hälfte seiner Melodie. Außerdem wurden die so variierten Weisen auf verschiedene Texte gesungen und auf verschiedene Arten dargeboten, nämlich gesungen, getanzt und auf Instrumenten gespielt.

Im Gegensatz zu den vielen Veränderungen blieben die Töne der ersten Hälfte der Melodie jedoch als Kern des Stückes über die hundert Jahre hinweg weitgehend unverändert. Vor allem der einprägsame Beginn, bei dem die Melodie abwärts springt und anschließend stufenweise wieder aufwärts geführt wird, ist ihr Erkennungsmerkmal geblieben.

Aktives Musikhören: Die Reise des Liedes mit Kindern entdecken

Die Kinder entdecken die Reise der Melodie hörend und erkennen, dass sich mündlich überlieferte Musik verändert, ähnlich wie die durch Flüstern weitergegebenen Worte im Spiel „Stille Post“. Auf besonders spannende Weise kann dies geschehen, wenn die Kinder die Zusammenhänge nach und nach selbst enträtseln können. Um ihre Neugier auf die Musik zu wecken und sie auf das aufmerksame Musikhören vorzubereiten, kann ihnen die Lehrkraft die Geschichte von Amira und Leo, die auf dem Speicher eine alte Handschrift finden, ausdrucksvoll vorlesen (Download).

Hören von „Soet Olivier“

Nachdem die Lehrkraft den Kindern die Geschichte vorgetragen hat, kann sie die Situation von Leos und Amiras Schulklasse auf die eigene Lerngruppe übertragen und damit ohne inhaltlichen Bruch von der Geschichte zum Musiklernen überleiten. Lasst uns das auch tun, lasst uns die Musik einmal anhören! (Soet Oliver).


Musikhören in Zeiten von Corona

Innovative Ideen zum Thema aktives Musikhören in der Grundschule finden Sie in der Ausgabe „Ein Fest am Hof“  und in „Beethoven in der Grundschule“:

  • Warum Renaissance-Musik sich so gut für die Grundschule eignet.
  • Wie kann man mit Kindern spannende alte Musik hören?
  • Renaissance-Musik fächerübergreifend mit dem Thema „Ritter und Burgen“ verknüpfen
  • Bewegen und Tanzen wie Ritter und Prinzessinnen
  • Renaissance-Musik selbst auf Instrumenten spielen
Zum Produkt: Ein Fest am Hof

Wer hat sich als Kind nicht gewünscht, einmal Prinzessin oder Ritter zu sein? Im Heft „Ein Fest am Hof“ werden solche Wünsche aufgegriffen, z.B. beim Besuch des „Zauberhaften Schlosses“ oder im Tagtraum von einer Ritterburg an einem „Ruhigen Nachmittag“.


Ein Fest am Hof

Grundschule Musik Nr. 96/2020

 


Dieses erste freie Hören bietet den Kindern die Möglichkeit, sich der Musik auf individuelle Weise zu nähern, sodass sie ihren Assoziationen freien Lauf lassen können und eigene Beobachtungen anstellen. Im Anschluss können sich die Kinder zu ihren Entdeckungen und Empfindungen äußern, z. B. „Es wurde auf einem Instrument gespielt.“ oder „Ich musste an den Märchenfilm von Aschenputtel denken.“ Solche Äußerungen der Kinder sind generell nicht richtig oder falsch, sondern individuelle Reaktionen, die der musikalische Eindruck bei ihnen auslöst. In Ergänzung zu den Beobachtungen der Schüler und Schülerinnen kann die Lehrkraft ihnen an dieser Stelle das Bild der Laute zeigen und Informationen geben, dass es sich bei der gehörten Musik um ein Stück für Laute handelt, also für ein der Gitarre ähnliches Instrument, das in der Renaissance sehr verbreitet war. Auch dass die sieben Linien auf dem Papier, das Leo und Amira gefunden haben, die Saiten des Instruments darstellen, kann für die Kinder auch interessant sein.

Hören der weiteren Melodiefassungen

Nun können die Kinder die drei anderen Varianten der Melodie (The Kinges Hunt is Upp, O Sweet Oliver, Kommt, ihr G’spielen). Im Anschluss haben sie wieder die Gelegenheit, sich zu ihren sicherlich sehr unterschiedlichen Beobachtungen zu äußern. In der Regel stellen die Kinder selbst und ohne gezielten Hinweis fest, dass die verschiedenen Stücke musikalisch ähnliche oder sogar gleiche Abschnitte enthalten. Nun kann den Kindern erzählt werden, dass es sich bei den vier Stücken um eine Melodie handelt, die auf eine fast hundertjährige Reise ging, auf der sie sich mehrmals „verwandelte“, sodass sie in unterschiedlichen Fassungen an verschiedenen Orten in mehreren Ländern gesungen, getanzt und auf Instrumenten gespielt wurde.

Die Stationen der Reise werden auf dem Bild veranschaulicht. Anhand der Landkarte können die Kinder zunächst erkennen, dass die Melodie einst von England über die Niederlande nach Deutschland reiste. Beim erneuten Hören der Stücke in der chronologischen Reihenfolge können sie nun die Details der Reise kennenlernen und diese mit ihren Höreindrücken verbinden. So wird jeweils nach dem Hören eines Stückes überlegt, wie dessen Titel wohl lautet und um welche Art von Musikstück es sich handelt.

Hierzu kann die Beantwortung folgender Fragen hilfreich sein:

  • Wird die Melodie gesungen oder handelt es sich um ein Instrumentalstück?
  • In welcher Sprache wird gesungen?
  • Von wem wird die Melodie gesungen?
  • Singen die Sängerinnen und Sänger gleichzeitig oder nacheinander?
  • Wie hört sich die Musik an, wie ist ihr Charakter?

Titel und Art des Musikstückes schreiben die Kinder zu jeder Station dann auf die Linien des entsprechenden Textfeldes und verbinden dieses mit dem dazugehörenden Bild. Wenn alle Felder ausgefüllt sind und das Rätsel gelöst ist, erzählen die verschiedenen Titel und Abbildungen die wechselvolle Geschichte der Melodie, und die Kinder können erkennen, dass sich Musik bei ihrer Überlieferung verändert.

  • Station 1: England: Zu Beginn der Reise im Jahr 1537 ist die Melodie in England als fröhliches Jagdlied im 6/8-Takt unter dem Titel „The Kinges Hunt Is Upp“ (Des Königs Jagd hat begonnen) bekannt (H6).
  • Station 2: England: Um 1599 schafft die Melodie es als kurzes Duett „O Sweet Oliver“ (O süßer Oliver) auf die Bühne. William Shakespeare integriert die Melodie in sein Theaterstück „As You Like It“ (Wie es euch gefällt). Um das Jahr 1600 ist die Melodie mit englischen Komödianten, also fahrenden Theaterleuten, unterwegs und wird von ihnen in die Niederlande, später nach Deutschland gebracht.
  • Station 3: Niederlande. In den Niederlanden „verwandelt“ sich das Lied „O Sweet Oliver“ dann in ein melodisch fast identisches Stück für Laute „Soet Olivier“. Es wird später in das Lautenbuch von Johann Thysius aufgenommen.
  • Station 4: Deutschland: Nach weiteren Etappen ihrer Reise, auf der die Melodie auch in einer Variante als „O mijn Engelein, o mijn Teubelein“ gesungen und getanzt wird, taucht sie in Thüringen und Bayern auf. Vom Komponisten Melchior Franck, der als Hofkapellmeister am Hof in Coburg tätig war, erhält sie schließlich ihre heute bekannte Fassung. Franck macht sie als Wettstreit zwischen Mädchen und Jungen über viele Strophen hinweg im Sommerlied „Kommt, ihr G’spielen“ zum Bestandteil eines Singspiels, das 1630 in Coburg aufgeführt wird. Damit endet die hier dargestellte fast hundert Jahre andauernde Reise der Melodie.

Weiterführende Ideen zu diesem Beitrag

Im Beitrag  „Eine Melodie geht auf Reisen“ gibt es für die Kinder weitere aktive Angebote zu diesem Thema:

  • Musikpraktische Beschäftigung mit der Melodie mit einem leichten Spielsatz für Orff-Instrumente
  • Beschäftigung mit der Laute – beliebtes Instrument in der Renaissance
  • Einen Branle tanzen – Tanz aus der Renaissance

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