Musikapps in der GrundschuleMusik machen ohne „richtige“ Instrumente?

Über 50.000 Musikapps soll es geben. Und wie findet man nun geeignete Musikapps für die Grundschule und bindet diese sinnvoll in den Unterricht ein? An diesen Fragen kommt man nicht vorbei, wenn Kinder im Unterricht mit Apps eine eigene Musik erfinden, Musik für eine Präsentation selbst gestalten oder einen Beat für ein Lied kreieren wollen.

Musikapps für Grundschulkinder

Musikapps für Grundschulkinder © Janina Lux

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Angst vor digitalen Medien?

Die Panik der Digitalisierung steht vielen ins Gesicht geschrieben. Lehrkräfte müssen und sollen alles Mögliche, kämpfen damit, dass überhaupt Musikunterricht stattfinden darf und versuchen nun auch, neben allen Planungen, Entwicklungen, Vorbereitungen … – und natürlich dem Unterrichten – die Technik zu beherrschen, (vielfältige) Kompatibilitäten zu prüfen und vor allem „das Richtige“ für die Bedarfe in der eigenen Klasse auszuwählen. Dazu kommen zahlreiche Zweifel – von Eltern, Kolleginnen und Kollegen, ja sogar aus der Wissenschaft – die stets verwirrend über unseren Köpfen schweben. Aber mal ehrlich: Ist „Neues“ nicht schon immer ein Grund für Ablehnung gewesen?

Ein Beispiel von vielen

Die Erfindung des Metronoms, eines damals hochtechnischen Taktmessers, spaltete die Fachwelt. Während sich die einen freuten, dass ihre Musik nun endlich so gespielt werden würde, wie sie es gedacht hatten, konterten die anderen, das mathematische Zeitmaß sei viel zu mechanisch und sahen gar die individuelle Interpretation eines Musikstücks in Gefahr.

Es sprach der Komponist: „Sie sind also ganz dagegen?“

Und es antwortete der Musikdirektor: „Ich halte davon so wenig, als von so vielen anderen hochgepriesenen Neuerungen.“

Quelle für den Dialog: Gottfried Weber: „Noch einmal ein Wort über den musikalischen Chronometer oder Taktmesser“ in: Allgemeine musikalische Zeitung 15, 27 (Juli, 1813)

 

Anlässlich des Workshops „wischen, tippen, musizieren!“ mit sechs Musikapps zum Musik erfinden, gestalten und entdecken, den Frauke Hohberger für die Ausgabe 95 der GRUNDSCHULE MUSIK extra für Ihre Schülerinnen und Schüler und mit Videotutorials gemacht hat, soll dieser Blogbeitrag ein paar Facetten des Digitalen im Musikunterricht zeigen.

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Ganz abgesehen davon, dass wir zwar sehr viel finden können, wenn wir zum Beispiel „Musik“, „digital“, „lernen“, „Grundschule“ o. Ä. eingeben, wissen wir oft nicht, ob es dann wirklich Medien sind, die wir gebrauchen können. Und bei über sechs Millionen Fundstellen ist eine Wahl darüber hinaus schwer zu recherchieren.

Im Rahmen der Fachtagung „Medienkompetenz verbindet“ aus dem Jahr 2016 sprach die „Forschungsstelle Appmusik“ von über 50.000 erhältlichen Musikapps, darunter von rund 4000 Apps, mithilfe derer Kinder und Jugendliche Musik machen können. Nicht einfach, die „richtigen“ für den eigenen Unterricht zu finden. Eine gute Musikapp sollte zunächst folgenden Kriterien standhalten:

  1. Sie hat einen guten Klang.
  2. Sie lässt sich intuitiv und leicht bedienen.
  3. Sie ist werbefrei und läuft stabil.

 

Zum Produkt: Musikapps

Der Grundschule Musik Ausgabe "Spielzeug" liegt das Workshopheft „wischen, tippen, musizieren!“ bei, das für die Kinderhand konzipiert ist. Sechs Apps werden vorgestellt, deren Ergebnisse auch für andere Fächer eingesetzt werden können.


Workshopheft: Musikapps

Grundschule Musik Nr. 95/2020


 


    Musikapps: Zwischen Kinderzimmer und Klassenzimmer

    Klar ist, dass Musikapps auch im Kinderzimmer eine Rolle spielen – zum Probieren und individuellen Selbsterfahren. Aber wie können Apps im Klassenzimmer sinnvolle und lehrreiche Verwendung finden, die die Ziele von Musikunterricht unterstützen? Sie z. B. als Vertretungsstundenfüller mit eben nur dem (dokumentierten) Ziel, digitale Medien im Unterricht zu nutzen, einzusetzen, ist sicher zu kurz gegriffen. Auch wenn die meisten intuitiv begreifbar sind, fehlt doch das Lernziel, die Methodik und Didaktik. Ob da eine „Erweiterung ästhetischer Erfahrung“ oder der „kreative Umgang mit Klängen, Tönen und Geräuschen“ ausreicht, wage ich zu bezweifeln.

    Die Herausforderung ist u. a. die, dass die meisten Apps für den „privaten Gebrauch“ konzipiert und nicht für unterrichtliche Zwecke zum „Musiklernen“ mit didaktischen und methodisch Gedanken aufbereitet sind. Auf der anderen Seite ist es nichts anderes, als wenn wir eine Literatur für den Deutschunterricht aufbereiten oder die Blockflöte oder Boomwhackers für den Musikunterricht.

    Musikapps in der Grundschule einsetzen: Vom Probieren zum Experimentieren

    Zum Experimentieren gehört ein nachvollziehbarer Plan, ein Ablauf, der zu einem Ziel führt, dem ein dokumentiertes und erfolgreiches Probieren vorausging. Reines Probieren führt also zu Überraschungen, gezieltes Experimentieren erfordert Vorkenntnisse und eine „Frage“, die zu Beginn gestellt wird. Zwei kleine, eher allgemeingehaltene Beispiele, für die verschiedenste Apps verwendet werden können:

    1. Eine Geschichte vertonen

    Es gibt eine Geschichte, die vertont werden soll, vielleicht eine gruselige mit heulenden Wölfen und einem Ruf in der Dunkelheit … Jetzt probieren die Kinder, welche der Effekte, welche Melodieverläufe, welche Rhythmen passen können. Vielleicht stellen sie fest, dass kleine Tonschritte zu Spannung führen, dass ein Metrum (als beständiges Maß) in „heiklen Geschichtensituationen“ auch mal ausgesetzt werden können und dass Rhythmusbausteine eine wichtige Rolle spielen, wenn ein Protagonist in der Geschichte z. B. wegläuft, Angst bekommt …

    2. Ein Lied begleiten

    Nehmen wir ein Lied, das die Klasse gemeinsam singt. Die Aufnahme ist nun Grundlage für eine selbstgemachte Begleitung, die wir mithilfe einer Musikapp gestalten. Um diese Kompetenz zu erreichen, ist es – z. B. für eine rhythmische Begleitung – notwendig zu wissen, in welchem Takt das Lied steht, welche rhythmischen Bausteine das Gesungene unterstützen und nicht überlagern und natürlich, was das Lied inhaltlich aussagen will. Wollen Sie etwa eine Gitarrenbegleitung unterlegen, können sich die Kinder an den Akkordbezifferungen über den Noten im Liederbuch orientieren und die entsprechenden Akkorde klanglich ihrem Lied zuordnen.

    In beiden Fällen ist die Arbeit mit digitalen Medien (eigentlich) nicht anders als mit „richtigen“ Instrumenten sowie analogen Geräusche- wie Klangerzeugern, nur eben mit einem zusätzlichen, neuen und modernen Mittel.

    Fazit

    Zurzeit scheint die „Stimmung“ ausschließlich „digital“ zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass alles, was den Musikunterricht bisher ausgemacht hat, verstummen wird.  Machen wir uns klar, dass Analoges und Digitales sich nicht gegeneinander ausschließen und dass die Flut der Informationen lediglich auf den Faktor „Das ist neu“ zu erklären ist, ist der Schritt zur Integration (!) digitaler Medien gar nicht mehr so schwer und bietet lediglich eine sinnvolle Bereicherung und Erweiterung des Unterrichtangebots.

    Natürlich ist in diesem Stadium der Entwicklung, digitale Medien im Unterricht einzusetzen, eine gewisse Eigeninitiative gefragt – so wie immer, denn sonst wären die Schubladen von Lehrkräften über viele Jahrzehnte nicht so reich gefüllt worden. Und was die „Kritik an Neuem“ angeht, möge man das Ende des Gesprächs zwischen dem Komponisten und dem Musikdirektor aus obigem Kasten lesen.

    Das Beispiel oben endete damit, dass sich Neues und Altes durchaus ergänzen können:

    Es sprach der Komponist:„Sie haben Recht: diese Methode, ohne erst das durch sein Alter ehrwürdige Gebäude niederzureissen, um ein neues an dessen Stelle zu setzen, stellt vielmehr das neuere und dem Zeitbedürfnis angemessnere bescheiden neben das alte. Wer die neue Bezeichnungsart noch nicht versteht, oder nicht verstehen will, der findet dabey die gewohnte ältere ungeschmälert, indess dem, der die Vortheile der neueren benutzen mag, …?“

    Und es antwortete der Musikdirektor: „Mein Gott! Hätten doch die Händel, die Bache und Graune eine oder zwey solche Ziffern vor ihre Werke gesetzt: diese würden nicht in jetzigen Zeiten von so manchen meiner Collegen in missverstandenen, unrichtigen Zeitbewegungen aufgeführt, entweiht oder geschändet!“

    Quelle für den Dialog: Gottfried Weber: „Noch einmal ein Wort über den musikalischen Chronometer oder Taktmesser“ in: Allgemeine musikalische Zeitung 15, 27 (Juli, 1813)

     

    Zum Weiterlesen

    Lesen Sie im Workshopheft in Grundschule Musik 95 „wischen, tippen, musizieren“ zu sechs ausgewählten Apps wie sich diese im Unterricht einsetzen lassen und die Schülerinnen und Schüler mit Apps Musik erfinden, gestalten und entdecken können.

    Weiterführende Links und Quellen

    Zur Fachtagung „Medienkompetenz verbindet“

    https://www.medienkompetenz-brandenburg.de/fileadmin/daten/netzwerkportal/Medienkompetenz_verbindet/2016/apps4music_Musikapps_im_Unterricht_LISUM2016a_MKrebs.pdf

    Praktisches und Informatives von Matthias Krebs

    http://forschungsstelle.appmusik.de/unterrichtsideen/

    http://musik-mit-apps.de/tapp-netzwerk/ (gehört auch zur Forschungsstelle Appmusik)

    http://app2music.de/musikmachen-mit-apps-starthilfe/

    Ulrich Tausend, Soziologe und medienpädagogischer Referent am JFF – Institut für Medienpädagogik

    Sehr erfrischend: Er unterscheidet gleich zu Beginn zwischen Apple und Android

    https://tausend-medien.de/appmusik/

    Auch die Öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten bieten einiges, das Sie in Ihrem Unterricht einsetzen können, z. B.:

    https://www1.wdr.de/schule/digital/unterrichtsmaterial/webseite-onlinespiel-klangkiste-100.html

    https://www.kinderfunkkolleg-musik.de/themen 

    https://www.planet-schule.de/sf/spezial/grundschule/kunst_und_musik.php

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